Glaubt man Thomas W. was er dem Jugendschöffengericht erzählt, dann wollte er eigentlich immer nur schlichten: Als ein Afrikaner im März 2006 in einem Nachtbus in Cottbus seine Faust ins Gesicht bekommt und als ein junger Mann am Himmelfahrtstag 2005 in Peitz vom Fahrrad geprügelt wird. Doch diese Friedfertigkeit glaubt man dem 19-Jährigen aus Görlitz kaum, denn die Opfer schildern die Ereignisse anders.
Thomas W. sitzt zusammen mit dem 24-jährigen Cottbuser Maik U. auf der Anklagebank. U. hat raspelkurzes dunkles Haar. Er trägt dunkelblaue Hosen und einen schwarzen Kapuzenblouson, den er im Gerichtssaal anbehält. Vor wenigen Monaten war sein Kopf noch glatt geschoren. Auch der Schädel von Thomas W. ist fast kahl. Über sein schwarz-weiß gemustertes Hemd hat er eine schwarze Weste gezogen. Auf die Finger seiner linken Hand sind die Buchstaben „ACAB“ tätowiert, eine bei Rechtsradikalen und Hooligans beliebte Abkürzung der englische Übersetzung von „alle Polizisten sind Bastarde“ .

Grundlos vom Rad geprügelt
Thomas W. muss sich wegen zwei Taten verantworten. Die erste Anklage wirft ihm vor, am Himmelfahrtstag 2005 zusammen mit einem anderen Lausitzer, der inzwischen verurteilt ist und in Haft sitzt, in Peitz den 26-jährigen Jean-Marc C. verprügelt zu haben.
Der ist groß, schlank, trägt Ohrring, Halskette und braunes, kurzes Haar. Am Himmelfahrtstag waren der Heilerziehungspfleger und seine Frau mit ihren Fahrrädern unterwegs. Von einer Familienfeier in Peitz wollten sie am frühen Abend an der „Karpfenklause“ vorbei nach Hause fahren. Was dann geschah, schildert Jean-Marc C. dem Gericht.
An einem Bierstand standen etwa zwanzig gröhlende Männer, ihrer Kleidung nach Angehörige der rechten Szene. Weil er das als gefährlich empfand, hätten er und seine Frau versucht, möglichst unauffällig vorbei zu kommen. „Schaut mal dort, ein dreckiger Punk“ , habe jemand aus der Gruppe gerufen und C. erhielt den ersten Schlag. „Ich war schnell genug, mit meinem Rad noch weg zu kommen, aber meine Frau wurde von einem am Lenker festgehalten. Da bin ich zurückgefahren.“
Dann sei er sofort verprügelt und zu Boden gerissen worden, mit Schlägen und Tritten von dem ersten Angreifer und dann auch von dem angeklagten Thomas W. Der sei ihm auch in die Beine gesprungen, um ihn am Weglaufen zu hindern. Irgendwann sei er den beiden dann doch entkommen. Ein Krankenwagen brachte ihn in das Cottbuser Klinikum. Mit schweren Prellungen im Gesicht und am ganzen Körper war er eine Woche lang arbeitsunfähig.
Der angeklagte Thomas W. hatte zunächst behauptet, alles habe mit einem Wortgefecht angefangen, „mit Beleidigungen gegen Rechtsextremismus“ . Dann habe er nur seinen Kumpel von Jean-Marc C. trennen wollen. Nach dessen Zeugenaussage räumt er jedoch ein, dass es wohl doch eher so gewesen sei, wie der Heilerziehungspfleger es schilderte.
Auch im März 2006 in einem Cottbuser Nachtbus, will Thomas W. nur geschlichtet haben. Als er seine Hände zum Kopf hob, um sich zu schützen, könnte jedoch ein Afrikaner seine Hand ins Gesicht bekommen haben. Schlichten wollte er angeblich zwischen dem Mitangeklagten Maik U. und zwei Afrikanern. U. ist nicht vorbestraft und gibt unumwunden zu, dass er einen der beiden im Aussteigen begriffenen dunkelhäutigen Männer von hinten in das Gesäß getreten hat: „Ich bin da lang und habe ihm einen Fußtritt verpasst.“ Der andere Afrikaner sei ihm dann nachgekommen, da habe sich Thomas W. dazwischen gestellt. Was dann geschah habe er nicht gesehen. Dass die Afrikaner nicht noch mehr geschlagen wurden, könnten sie den Überwachungskameras im Bus zu verdanken haben. Zumindest Thomas W. wusste, dass der Wagen videoüberwacht war.

Fußtritt als „Reflex“
Auf die Frage des Richters nach dem Grund für den Fußtritt antwortet Maik U.: „Das weiß ich nicht.“ Auf Nachfragen fügt er hinzu: „Ich hätte nicht jeden getreten, das war ein Reflex.“ Die Frage, ob er etwas gegen Ausländer habe, verneint er ohne zu zögern.
Die Cottbuser Polizei hatte unmittelbar nach dem Zwischenfall im März mitgeteilt, dass es zwischen den beiden jetzt Angeklagten und den Afrikanern vorher zu einer verbalen Auseinandersetzung gekommen sei und sich daraus „Handgreiflichkeiten“ entwickelt hätten. Eine politische Motivation sei nicht feststellbar, hieß es damals.
Weiteren Aufschluss über das Tatgeschehen sollen Aufnahmen der Überwachungskameras im Bus bringen. Die hatte eine der beiden Anwältinnen, die die Afrikaner als Nebenkläger vertreten, auf ihrem Laptop dabei. In den Akten des Gerichtes fand sich davon jedoch nur eine zerbrochene CD. Eine zweite enthielt nur Standbilder. Nun soll eine neue Kopie der bewegten Aufnahmen für das Gericht angefertigt werden, die am nächsten Prozesstag angeschaut wird.
Dann sollen auch noch weitere Zeugen gehört werden, die diesmal vergeblich vor dem Gerichtssaal warteten. Dazu gehören der Fahrer des Nachtbusses, aber auch mehrere junge Männer, die bei dem Angriff auf die Afrikaner ebenfalls im Bus saßen. Einer von ihnen hat sich seine Gesinnung unter den kahlen Kopf in den Nacken tätowieren lassen. „Braun ist beautiful“ steht da, kurz über der Kragenkante. Der Prozess wird in der übernächsten Woche fortgesetzt.