Mit so viel Begeisterung sind die Tschechen seit Langem nicht mehr zur Wahl gegangen. Erstmals konnte das Volk den Präsidenten direkt wählen und Petr Kocian von der Wahlkommission der Renaissance-Stadt Veseli nad Luznici meint: "Die Menschen hatten sich das gewünscht." Anders als bei früheren Wahlen standen nicht nur die älteren, sondern auch die jüngeren Einwohner Schlange. Seit Jahren hatten die Tschechen auf eine Direktwahl des Präsidenten gedrungen. Die parteipolitische Geschacher bei der vorangegangenen Wahl durch das Parlament schien vielen des höchsten Staatsamtes unwürdig.

In der ersten Runde der Direktwahl reichte das Bewerberspektrum vom Statistik-Experten bis zu dem am ganzen Körper tätowierten Künstler, von der EU-Kritikerin und TV-Moderatorin bis zur Ärztin und Europaabgeordneten. Nach der zweitägigen Abstimmung steht fest: Die Tschechen wollen lieber einen etablierten Politiker als einen Außenseiter. Ex-Ministerpräsident Milos Zeman (68) als Vertreter des gemäßigten linken Lagers und der konservative Außenminister Karel Schwarzenberg (75) treffen in der Stichwahl in zwei Wochen aufeinander.

Der charismatische Schwarzenberg hat sich mit einem energischen Endspurt einen Platz im Finale gesichert. Emotional sehr berührt tritt der Fliegenträger vor die Fernsehkameras. Als wäre er schon Präsident, singen seine Anhänger spontan die Nationalhymne. Der Fürst aus europäischem Hochadel stimmt mit tiefem Sprechgesang ein. "Wo ist meine Heimat?" lautet der Text. Das lange Exil in Wien während des Kommunismus scheint vergessen.

Stolz tragen junge Tschechen Sticker, die Schwarzenberg als Punk mit Irokesenschnitt zeigen. Dabei ist der Präsident nicht nur eine Großvater-Figur, er gilt vielen als Garant der nationalen Identität. Die Tschechen seien noch immer vom Münchener Abkommen von 1938 und dem Eingreifen der Warschauer-Pakt-Truppen 1968 traumatisiert, meint etwa der Politologe und Kommentator der linken Zeitung "Pravo", Jiri Pehe. Das nähre ein "Gefühl der permanenten Bedrohung".

Mit dem Münchner Ankommen hatte Hitler-Deutschland mit Zustimmung Großbritanniens, Frankreichs und Italiens die Abtretung des Sudetenlandes an das Reich durchgesetzt. Der Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts im August 1968 in die damalige Tschechoslowakei erstickte für zwei Jahrzehnte jeden Widerspruch.

Neue Gefahren für die nationale Souveränität brachte in den Augen des scheidenden Präsidenten Vaclav Klaus (71) die Europäische Union mit ihrem "bürokratischen" Entscheidungsapparat. Doch die Ära Klaus endet Anfang am 7. März. Seine beiden möglichen Nachfolger haben bereits angekündigt, über dem Prager Hradschin die Europafahne zu hissen. Klaus weigerte sich, dies zu tun.

Die Direktwahl gibt dem nächsten Präsidenten eine Legitimität, die ihn in Konflikt mit der Regierung bringen könnte. "Die Volkswahl ist das größte Verbrechen an der Verfassung", wurde vor der Abstimmung in Leitartikeln gewarnt. Die erste Wahlrunde habe diese Befürchtungen zerstreut, meint die liberale Wirtschaftszeitung "Hospodarske Noviny" nun: "Das Bewusstsein, selbst entscheiden zu können, hat die Tschechen aus ihrer blöden Stimmung befreit und ihr Selbstvertrauen gestärkt."