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Für Liberale ziemlich bescheiden

Setzen alles auf den Chef: Der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner mit Generalsekretärin Nicola Beer bei der Präsentation des Wahlprogramms.
Setzen alles auf den Chef: Der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner mit Generalsekretärin Nicola Beer bei der Präsentation des Wahlprogramms. FOTO: dpa
Berlin. Wahlkampfzentrale? Bei der FDP kann man da lange suchen. Es gibt nur zwei Zimmer im Parteihaus in Berlin, die etwas mit der Bundestagswahl zu tun haben. Werner Kolhoff

An dem einen steht der Name Marco Buschmann, das ist das Büro des Bundesgeschäftsführers. In dem anderen, zwei Etagen tiefer, sitzen dicht gedrängt zehn Studenten vor Bildschirmen. Sie haben ihren Raum selbst "ReBoot Camp" getauft, Neustart-Lager.

Die FDP ist bescheiden geworden, notgedrungen. Oberstes Ziel ist der Wiedereinzug in das Parlament. Die Studenten sind Freiwillige, bundesweit ausgesucht bei einer Aktion namens "Fortschrittsbeschleuniger". Sprachwitz ist durchaus Teil der diesjährigen Kampagne. Nur die Hälfte von ihnen sind Mitglieder der Partei. Charlotte von Mangold, 29, gebürtig aus Höxter und promovierte Humangeografin, sitzt an einem Extra-Tisch, sie koordiniert die tägliche Arbeit der Gruppe. Die besteht aus neun Stunden lang Facebook sichten und sich an Chats beteiligen, Anfragen beantworten, manchmal auch ein Fake-Profil entdecken und melden. Alle arbeiten auf 450-Euro-Basis und wirken ziemlich engagiert. "Uns eint, dass wir alle finden, dass das liberale Lebensgefühl ins Parlament gehört", sagt einer der Studenten auf die Frage nach seinem Motiv. Quer über die Wand ist das Banner des letzten Parteitages gespannt. "Schauen wir nicht länger zu", steht darauf.

Es ist Buschmanns erster Wahlkampf. Und das Budget ist mit fünf Millionen Euro ziemlich begrenzt. Aber der 39-Jährige kann auf drei Elemente bauen: erstens auf das Engagement der Basis. Obwohl die Partei 2013 aus dem Bundestag flog, hat sie heute mit 58 000 Mitgliedern sechstausend mehr als damals. Viele junge darunter. Zweitens auf ein kooperatives Führungsteam unter Parteichef Christian Lindner und Generalsekretärin Nicola Beer. Die früheren Diadochenkämpfe gibt es nicht mehr, der Ton in der Parteizentrale ist viel freundlicher als früher. Alles strahlt die gelassene Emsigkeit von Start-ups aus.

Und dann ist da seit 2014 die Berliner Agentur "Heimat", die Lindners Kurs einer neuen, modern wirkenden FDP von Anfang an mitbegleitet und optisch umgesetzt hat. Erst mit erfolgreichen Kampagnen in den Bundesländern, nun im Bund. Auf dem Sideboard in Buschmanns Büro stehen die Preise, die die Partei dafür schon gewonnen hat. Darunter der "Effie", der als Oscar der deutschen Kommunikationsbranche gilt. Vorher ist damit überhaupt nur einmal eine Parteikampagne ausgezeichnet worden, der siegreiche Wahlkampf der SPD im Jahr 1998 mit Gerhard Schröder.

Alles wirkt aus einem Guss. Auch die Plakate. Sie zeigen den mit 38 Jahren immer noch jugendlich wirkenden Parteichef, der trendig in Schwarz-Weiß abgebildet ist. Es hat etwas von Modefoto. Die Farben Magenta, Gelb und Blau im Logo wirken frisch, ebenso der Slogan "Denken wir neu", mit dem man sich von Union wie SPD absetzen will. "Die einen sagen weiter so, die andern sagen zurück", erklärt Lindner. "Wir sagen: Zukunft". Gleiche Distanz zu möglichen Koalitionspartnern gehört diesmal auch zur Wahlkampfstrategie der Liberalen.

Auf den Plakaten wird neben dem Foto Lindners relativ viel Text gedruckt, naturgemäß sehr klein. Auf einem Motiv ist sogar das ganze Wahlprogramm abgebildet, wenn auch in einer nicht mehr lesbaren Schrift. Das sorgt wenigstens für Gesprächsstoff. Es soll auch noch einen Video-Podcast geben, in dem das Programm komplett vorgelesen wird. "Wir wollen beweisen, dass man auch mit Inhalten die Leute mobilisieren kann", sagt Buschmann und spricht von "repolitisieren statt demobilisieren". Ein Seitenhieb auf die Union.

"Kein Klamauk", beteuert der Geschäftsführer. Im Netz wartet die FDP allerdings mit einigen kleinen Überraschungen auf, die zum Teil vom hauseigenen Start-up "Universum" entwickelt wurden. Etwa wenn auf einem Immobilienportal neben der angeboten Eigentumswohnung der Hinweis auftaucht, wie viel Geld der Kunde bei genau diesem Objekt sparen würde, falls die FDP-Forderung nach einer Senkung der Grunderwerbsteuer umgesetzt würde. Oder "Shots" auf Twitter, Kurzinformationen über die Wahlforderungen, die von einem Chat-Bot verbreitet werden, also einem Computer-Programm. Ein Algorithmus als liberaler Wahlkämpfer, das hat es auch noch nicht gegeben.

Mehr zur Wahl im Internet: www.lr-online.de/bundestagswahl

Zum Thema:
Mit dieser Folge endet unsere Serie "Wahlkampfzentralen und ihre Macher". Wir hatten auch die AfD-Wahlkampfzentrale vorstellen wollen, doch hat die Partei uns als Einzige keinen Zugang gewährt.