Das Schweigen der Waffen nach mehr als einem Monat ist in Israel mit verhaltener Freude aufgenommen worden. Im Norden des Landes, wo in den vergangenen Wochen täglich bis zu 250 Katjuscha-Raketen der radikal-islamischen Hisbollah eingeschlagen waren, wagten sich gestern die Bewohner wieder aus ihren Kellern und Bunkern. "Heute ist die Luft ein wenig anders", wurde ein Mann in Kirjat Schmona zitiert, eine Stadt, die unter besonders schwerem Hisbollah-Feuer gelegen hatte.

Stimmung ist verhalten
Verhalten war auch die Stimmung unter den Kommentatoren und Experten im jüdischen Staat. Nur wenige mochten den "diplomatischen Sieg" preisen, als Premierminister Ehud Olmert die in der UN-Sicherheitsratsresolution 1701 festgeschriebenen Waffenruhe ausgab. Zwar wurden der Hisbollah empfindliche Schläge versetzt, viele ihrer Raketenabschussrampen und Bunkersysteme konnten zerstört, etliche ihrer Kämpfer getötet werden.
Und mit der Festschreibung des Gewaltmonopols der libanesischen Armee im Südlibanon südlich des Litani-Flusses, im "Hisbollah-Land" schlechthin, sei nunmehr so etwas wie ein "staatlicher Adressat" benannt worden, betonten einige Kommentatoren. Gibt es künftig ein Problem mit den islamistischen Kämpfern, könne die Regierung in Beirut in die Pflicht genommen werden.
Doch Realisten wie General Amos Jadlin, Direktor des Militärgeheimdiensts, sehen in der Waffenruhevereinbarung "Löcher". Die Waffenpause friert zunächst nur die am Sonntag erreichten Frontlinien ein, bis das israelische Militär sich zurückzieht. Über den Zeitplan dafür und den Mechanismus für die Abstimmung mit den libanesischen und den neuen UN-Truppen, die anstelle der Israelis einrücken sollen, wurde gestern noch hektisch beraten.
Die über den Südlibanon verstreuten israelischen Verbände sollen sich verteidigen dürfen, die Hisbollah sieht sie als "Besatzer" an, die prinzipiell angreifbar sind. Scharmützel zwischen den Israelis und den fast überall präsenten Hisbollah-Kämpfern scheinen programmiert. Deren Möglichkeit, den Konflikt wieder anzuheizen, steigt, je länger sich der israelische Abzug verzögert. Ein paar Stunden nach Inkrafttreten der Waffenruhe erschossen israelische Soldaten in der Ortschaft Hadata den ersten Bewaffneten, der sich ihnen gefährlich genähert haben soll. Solche Anlässe können leicht aus dem Ruder laufen und in eine neue Gewaltspirale münden.
Aber selbst wenn der israelische Abzug und das Einrücken der regulären libanesischen und der internationalen Truppen verhältnismäßig glatt ablaufen sollten, bleiben aus israelischer Sicht viele Fragen offen. An erster Stelle steht die nach der Entwaffnung der Hisbollah, wie sie auch schon frühere UN-Resolutionen ohne jede Wirkung verlangt hatten. Die neue UN-Truppe ist laut der jüngsten UN-Resolution nur für die "Überwachung", nicht für die Durchsetzung dieses Vorhabens zuständig. Und die libanesische Armee kann aufgrund des prekären politischen Gleichgewichts im Libanon nichts tun, was nicht mit der Hisbollah-Führung abgestimmt wäre.

Nur eine Verschnaufpause
In Israel überwiegen deshalb die Stimmen, die diese zerbrechliche Waffenruhe noch auf dem Prüfstand sehen. Für manche ist sie bestenfalls eine Verschnaufpause vor der nächsten Runde eines existenziellen Kampfes. "Von heute an", schreibt die Tageszeitung "Jediot Achronot" in einem Leitartikel am Montag unvermindert kämpferisch, "ist jeder Ausgang gestrichen. Das Volk von Israel ist notmobilisiert. Denn dies (der Krieg) geht noch weiter."