Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac seine Verbalattacke gegen die USA-freundlichen ost- und mitteleuropäischen EU-Kandidatenländer, schließlich rückten die europäischen Regierungschefs Tony Blair und José Maria Aznar immer enger mit US-Präsident George W. Bush zusammen.
Die Kollateralschäden des amerikanischen Kriegskurses sind für Europa zweifellos immens, jedoch jetzt schon von einem politischen Trümmerhaufen auf dem Alten Kontinent zu sprechen, scheint den meisten politischen Beobachtern übertrieben. Dennoch: Der Krieg kam für Europa, mitten im politischen und verteidigungsstrategischen Aufbauprozess und kurz vor der Erweiterung der Europäischen Union, zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt.
Schon seit Wochen brüten Politikwissenschaftler an der Frage, wie sich der Krieg auf die künftige Ordnung in Europa auswirken werde. Die meisten kommen, wie der französische Politologe Francois Heisbourg, zu dem Schluss: "Nicht das Irak-Problem hat Europa gespalten, sondern die unterschiedliche Haltung der Regierungen zu den USA." Heisbourg folgert daraus: "Gemeinsame außenpolitische Standpunkte im Europa der 25 wird es nicht geben können, wenn die Amerikaner eine andere Meinung vertreten."

USA auf Konfrontationskurs
Der EU-Pessimismus etlicher französischer Politstrategen geht soweit, dass den USA unterstellt wird, ihren Einfluß auf die früheren Satellitenstaaten der Sowjetunion künftig noch zu vertiefen, um eine wirkliche europäische Integration und damit ein Europa als Gegenmacht von vorneherein zu verhindern.
Die Optimisten in der Europa-Frage sind derzeit in der Minderheit: Nicht zu einer Schwächung, sondern zu einem Aufschwung Europas werde die Irak-Krise führen, sagen sie. Nach dem Motto: Jetzt erst recht. "Alle sind unzufrieden mit der Sackgasse, in die die Irak-Diskussion geführt hat, daraus könnte man jetzt beim Aufbau Europas profitieren, mit Hilfe der starken Achse Paris-Berlin", lautet die Devise im Mitarbeiterstab von Jacques Chirac. Ähnlich sieht es der französische Wissenschaftler Emmanuel Todd: "Die Veto-Drohung Frankreichs war im Grunde eine französisch-deutsche Position und damit im Kern der Embryo eines europäischen Vetos."
Einer, der wissen muss, wie es wahrscheinlich weitergeht, ist der Präsident der EU-Verfassungskommission Valery Giscard d'Estaing. Eher am Rande gab er bekannt, der vorgesehene Zeitplan für die Ausarbeitung einer europäischen Verfassung könne wegen der Irak-Krise nicht eingehalten werden. Auf dem Gipfel am 20. Juni in Saloniki werde es um andere Themen gehen.

EU-Kandidaten manipuliert
Aus dem Gremium ist jetzt schon zu hören, die Positionen der Beitrittskandidaten hätten sich verhärtet, sie würden den starken deutsch-französischen Motor nicht akzeptieren. "Le Figaro" zitierte die private Aussage eines französischen Diplomaten: "Diese Länder müssen endlich kapieren, dass sie von Washington manipuliert werden."
Als große Hoffnung bleibt die europäische Bevölkerung. Wie seit dem Vietnam-Krieg nicht mehr demonstrierten Hunderttausende gegen den US-Hegemonismus. Rund 80 Prozent der Menschen in Europa sind gegen einen Krieg. Ein Zeichen des Aufbruchs, urteilen Europa-Optimisten.