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| 02:46 Uhr

Für die Kita-Kinder in Drachhausen ist er der {Scaron}o{lstrok}ta

Fritz Woitow vor seinem Haus in Drachhausen – mit der Adresse in Wendisch und den Nationalfarben der sorbisch-wendischen Minderheit am Eingang.
Fritz Woitow vor seinem Haus in Drachhausen – mit der Adresse in Wendisch und den Nationalfarben der sorbisch-wendischen Minderheit am Eingang. FOTO: Ch. Taubert
Cottbus. Als Fritz Woitow 1940 geboren wurde, hat in Drachhausen – dem heute 850-Einwohner-Dorf im Spree-Neiße-Kreis – jeder wendisch gesprochen. Heute beherrscht vielleicht die Hälfte der Dörfler die slawische Sprache. Dass Drachhausen nicht nur Sprache, sondern auch breit gefächert Traditionen der Sorben/Wenden pflegt, ist zum großen Teil Fritz Woitow zu verdanken – dem {Scaron}o{lstrok}ta (Bürgermeister) seit 22 Jahren. Christian Taubert

"Fritzko", hat Vater Gustav auf dem Sterbebett zu seinem Erstgeborenen gesagt, "denke an unsere Sprache". Dass der 75-jährige Fritz Woitow gerade jetzt davon erzählt, hat einen guten Grund. Woitow hat am Freitag den höchsten Preis des Bundes Lausitzer Sorben verliehen bekommen. Der Domowina-Preis 2015 ist Anerkennung für sein unermüdliches Wirken zum Erhalt von Sprache und Kultur der slawischen Minderheit in der Niederlausitz. Allerdings musste dem gebürtigen Drachhausener dafür niemand einen Auftrag geben. "Das kommt vom Herzen. Das sind die Traditionen meines Volkes", sagt er.

Fritz Woitow ist Muttersprachler. Rund um sein Heimatdorf Drachhausen haben auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg alle Wendisch gesprochen. Aber der Bauernsohn musste zur Schule. Deshalb haben ihn die Eltern Deutsch gelehrt. "Zu den Großeltern brauchte ich damit nicht kommen", erinnert sich der in der Viehwirtschaft groß gewordene Mann. Auf dem Lande ist er später seinen Weg gegangen. Er machte in der DDR seinen Meister und übernahm als Leiter die Milchviehanlage mit 550 Kühen in der LPG Eintracht Drachhausen. Wenig später wurde der geschätzte Fachmann stellvertretender LPG-Vorsitzender.

Eine politische Karriere hat Woitow Mitte der 1970er-Jahre daraus aber nicht werden lassen. Zwar sei er oft bedrängt worden, Mitglied einer Partei zu werden. "Ich habe aber immer abgelehnt. Das war nicht mein Ding." Das Engagement in der Domowina, dem Bund Lausitzer Sorben, war ihm viel näher. Schon in den 1960er-Jahren bezog er sorbisch/wendisches Liedgut in das Repertoire des Chores mit ein. 1986 wurde er zum Vorsitzenden der Domowina-Ortsgruppe in Drachhausen gewählt.

Fritz Woitow "tanzte" für die nationale Minderheit, die in der DDR eher als Folklore hofiert und deren Spracherhalt nicht wirklich gefördert wurde, auf vielen Hochzeiten. Bis hin zum Vorstand der sorbisch/wendischen Spreewaldfischer, dessen Vize-Chef er noch immer ist.

Obwohl Fritz Woitow auch nach der Wende seinem Grundsatz treu und parteilos blieb, mischte er plötzlich in der Politik mit. 1990 zog er in den Kreistag ein - mit dem Mandat der Domowina. Damit ist er der Einzige, dem das jemals gelungen ist. "Das hatte er seinem Engagement zu verdanken", sagt der stellvertretende Domowina-Geschäftsführer Markus Koinzer. Das sei nicht nur von sorbisch-wendischen Wählern honoriert worden. "Jetzt musste ich Politik erst einmal lernen", erinnert sich Fritz Woitow, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, den Bauernschläue und Durchsetzungskraft auszeichnen. Beinahe ein "Heimspiel" wurde es für ihn bei der Bürgermeisterwahl 1993. Mehr als Dreiviertel der Wähler gaben dem stämmigen Mann ihre Stimme.

22 Jahre ist er jetzt im Amt: In der Zeit hat sich Drachhausen, das einst der Kohle weichen sollte, zu einem lebenswerten Dorf mit reichem Vereinsleben entwickelt. Woitow ist es gelungen, das internationale Folklorefestival Lausitz fest in Drachhausen zu verankern. Hier ist die zweite Witaj-Kita (in der deutsch und sorbisch/wendisch gesprochen wird) entstanden. "Die Kita ist immer voll belegt", sagt Woitow, den die Kinder auch auf der Straße nur "Hallo, {Scaron}o{lstrok}ta" (Bürgermeister) rufen. Und was ihn besonders stolz mache, "die jungen Leute bleiben wieder in Drachhausen".

All das sei ein hartes Stück Arbeit gewesen. Woitow erinnert sich, wie es im Sorbenrat des Potsdamer Landtages um 36 000 D-Mark zur Finanzierung einer Witaj-Erzieherin gegangen sei. Der Streit über eine Drittel-Finanzierung von Land, Kreis und Gemeinde sei erst beendet gewesen, "als ich auf der dritten Beratung zu dem Thema angemerkt habe, dass die Hälfte der Summe schon für Auslagen der Sitzungsteilnehmer ausgegeben worden ist".

Und als der Landtag für die Erlangung des Fischereischeins B für Berufsfischer 300 Stunden und 3000 D-Mark ins Gesetz schreiben wollte, hat der Wende Woitow mit dem Mandat der Spreewaldfischer Einspruch erhoben. In den Landtagsausschüssen habe er es erreicht, dass heute 80 Stunden und 300 Euro verankert seien.

Einmal in der Woche ist im Gemeindebüro Bürgermeister-Sprechstunde. Wer im Dorf ein dringendes Problem hat, der klingelt allerdings bei Fritz Woitow zu Hause. "Ich habe 24-Stunden-Dienst. Das stört mich nicht." In der Wohnküche wird dann oft lange diskutiert - möglichst auf Wendisch. Denn Woitow animiert überall, sich zuerst in seiner Muttersprache zu unterhalten. Ein wenig ist das für ihn die Erfüllung des Vermächtnisses seines Vaters.

Zum Thema:
Im Bautzener Haus der Sorben sind am Freitag mit dem Domowina-Preis 2015 auch Werner Thomas und Reinhardt Schneider aus Lohsa sowie Rosalia Ziesch aus Crostwitz und Mìrka Kosel aus Guttau/OT Wartha ausgezeichnet worden. Für ihr Engagement im Bund Lausitzer Sorben wurden mit dem Ehrenabzeichen der Domowina geehrt: Heidemarie List aus Schwarzkollm, Hanka Schwede aus Miltitz, Stephanie Bierholdt aus Schleife, Klaus Antonius aus Trebendorf, Janina Krüger aus Wuischke, Barbara Krahl aus Bautzen, Dr. Fabian Kaulfürst aus Panschwitz-Kuckau, Martina Kalz aus Cottbus, Richard Krautz aus Bärenbrück und Jörg Masnik aus Cottbus. Den Domowina-Preis gibt es seit 1990, das Ehrenabzeichen seit 1959.