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Brandenburg verliert pro Jahr 1000 Feuerwehrleute
Fünf nach zwölf für Freiwillige Feuerwehren

Werner-Siegwart Schippel sagt, es könne nicht länger dem Zufall überlassen sein, ob eine freiwillige Feuerwehr komplett einsatzbereit ist.
Werner-Siegwart Schippel sagt, es könne nicht länger dem Zufall überlassen sein, ob eine freiwillige Feuerwehr komplett einsatzbereit ist. FOTO: Ch. Taubert
Cottbus. Nach Prognosen verliert Brandenburg pro Jahr 1000 Feuerwehr leute – wie das Land künftig die Einsatzbereitschaft vor Ort in der Zukunft absichern will. Christian Taubert

Werner-Siegwart Schippel hat ungezählte Debatten im Landtag erlebt. Zwei Jahrzehnte lang war er für die SPD im Potsdamer Parlament, auch ihr innenpolitischer Sprecher. Seit er 2014 nicht mehr zur Wahl angetreten ist, wurde der Abstand zum Parlamentsbetrieb verständlicherweise größer.

Doch in der Vorwoche hat der 66-Jährige, der in Suschow bei Vetschau zu Hause ist, wieder einmal ganz genau verfolgt, was die Fraktionen im Landtag beraten haben. Es ging um die bessere Versorgung von Kameraden der freiwilligen Feuerwehren und deren Hinterbliebenen in Brandenburg. Für Schippel, der seit 2013 Präsident des Landesfeuerwehrverbandes Brandenburg ist, ein Pflichttermin.

Selbst Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) hatte sich in die Debatte eingebracht und keinen Zweifel gelassen, dass es um gleichwertige Versorgungsleistungen für Hinterbliebene gehen müsse (siehe Infobox). Auf den Freistaast Sachsen kann Potsdam dabei bauen. "Wir möchten das Thema auf der Herbstsitzung der Innenminister beraten", bestätigt Pia Leson von der Pressestelle des Dredener Ministeriums.

Hintergrund der Debatte war der schwere Verkehrsunfall auf der Autobahn 2, bei dem Anfang September zwei Feuerwehrleute aus Kloster Lehnin tödlich verunglückten. In der Folge war eine deutlich differierende Hinterbliebenen-Absicherung für Berufsfeuerwehren und freiwillige Kameraden in die Kritik geraten.

"Wir sehen die Angleichung auf einem guten Weg, zumal Brandenburg nicht nur auf die anderen Länder vertrauen will", erklärt Schippel und verweist auf das Konzept für die Neuordnung des Brand- und Katastrophenschutzes, dass das Innenministerium bis zum Jahresende vorlegen soll. Allerdings ist das für Schippel nur ein Problem, auf das die Kameraden Antworten erwarten.

"Es ist schon fünf nach zwölf", bezeichnet der Präsident die Lage der freiwilligen Feuerwehren im Land. Die demografische Entwicklung und das Auseinanderdriften von Wohn- und Arbeitsort der Kameraden habe inzwischen dazu geführt, dass die Tageseinsatzbereitschaft von Ortswehren oft nur noch zu 25 Prozent gewährleistet ist. "Es gibt immer mehr weiße Flecken im Land. Das Schutzziel kann so nicht mehr aufrecht erhalten werden", zeichnet Schippel eine Situation, deren Dramatik durch die Statistik noch verstärkt wird.

Nach Verbandsangaben gibt es im Land zurzeit rund 38 000 Feuerwehrleute. Das kommt einem Rückgang von 10 000 Kameraden im zurückliegenden Jahrzehnt gleich. "Die Prognose sagt: Die Mitgliederzahl bei der Feuerwehr in Brandenburg geht pro Jahr weiter um 1000 Kameraden zurück", sagt der Präsident. Darauf müsse das Land reagieren.

Die Verbandsmitglieder haben sich bereits ihre Gedanken gemacht. Am 18. November werden sie auf der Delegiertenkonferenz in Wittenberge ihre Forderungen an das Land und an die Kommunen formulieren. Das werde der Extrakt aus den fünf Regionalkonferenzen 2017 sein, an dem sich 400 Kameraden beteiligt hatten, sagt Schippel. Dazu gehöre, dass das Ehrenamt verstärkt durch das Hauptamt ergänzt werden müsse. Vor allem von Montag bis Freitag, wo viele freiwillige Kameraden auswärts arbeiten, "brauchen wir eine solche Regelung".

Für den obersten Feuerwehrmann im Land ist es aber auch an der Zeit, dass Kameraden an ihrem Arbeitsort ebenfalls eine Ausrüstung haben und eingesetzt werden können. Schippel geht soweit, dass er Kommunalbedienstete für Feuerwehrtätigkeiten ausbilden und einsetzen möchte. Er könne sich zudem vorstellen, dass eine Feuerwehr-Grundausbildung künfig zum Berufsbild kommunaler Angestellter gehört.

"Es kann nicht länger dem Zufall überlassen sein, ob eine freiwillige Feuerwehr komplett einsatzbereit ist", umreißt Schippel die Aufgabe und schildert ein nahezu alltägliches Beispiel: Die Bürger sind oft verwundert, warum selbst bei einem kleineren Brand gleich drei Löschzüge anrücken. Das aber hängt damit zusammen, dass die Leitstelle zunächst eine Wehr alarmiert, die allerdings nur mit zwei Kameraden anrücken kann. Jetzt wird solange dazu geordert, bis die Anzahl Feuerwehrleute für einen Löschangriff ausreicht.

Nicht zuletzt wird in den Forderungen an das Land vermerkt sein, dass die Freiwillige Feuerwehr für junge Erwachsene attraktiver werden muss. Dabei ist die diskutierte Feuerwehrrente unter Brandenburger Kameraden nach Schippels Einschätzung umstritten. "Wenn jedes Bundesland seine eigene Rente oder Steuervergünstigung auflegt, wird es Feuerwehrleute erster, zweiter und dritter Klasse geben", gibt Schippel den Stand der Debatte wieder.

Deshalb komme aus Sicht der Brandenburger nur eine Bundes-Feuerwehr-Rente infrage, an deren Finanzierung Land und Kommunen beteiligt werden sollen. Das würde für Anerkennung und Stärkung des Ehrenamtes sorgen. Doch im Westen sind die Wehren personell noch nicht in einer so großen Zwickmühle. "Der Osten bekommt den demografischen Wandel eher zu spüren. Deshalb müssen wir jetzt reagieren", sagt der Ex-Politiker Schippel. "Aber der Wandel wird um die alten Bundesländer keinen Bogen machen."

Zum Thema:
Im Landtag hat sich der Ministerpräsident dafür ausgersprochen, die Hinterbliebenenversorgung von Feuerwehrleuten und Angehörigen anderer Hilfs- und Rettungsorganisationen so zu regeln, dass alle Hinterbliebenen "gleichwertige Versorgungsleistungen erhalten". Auch die Regelungen des Unfallschutzes seien daraufhin zu überprüfen, "ob für alle Akteure unabhängig von ihrem Status ein guter Versicherungsschutz besteht". Dietmar Woidke wolle sich für praktikable Lösungen einsetzen. Von Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) war bereits angekündigt worden, eine bundeseinheitliche Regelung in der Innenministerkonferenz zu erreichen. Sollte dies scheitern, wolle Brandenburg selbst aktiv werden und eine eigene Versorgungsregelung beschließen.