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| 02:40 Uhr

Fünf Minuten Anarchie im Kraftwerk Schwarze Pumpe

Kein Durchkommen. Hunderte Teilnehmer der Aktionen von "Ende Gelände" schnitten das Kraftwerk Schwarze Pumpe vom Kohlenachschub ab. Ein Teil der Besetzer wurde am Sonntag von der Polizei entfernt.
Kein Durchkommen. Hunderte Teilnehmer der Aktionen von "Ende Gelände" schnitten das Kraftwerk Schwarze Pumpe vom Kohlenachschub ab. Ein Teil der Besetzer wurde am Sonntag von der Polizei entfernt. FOTO: dpa
Cottbus. Die Aufarbeitung der Pfingstproteste im Lausitzer Bergbaurevier geht weiter, auch politisch. Vattenfall schildert gefährliche Aktionen der Anti-Kohle-Aktivisten in dem erstürmten Vattenfall-Kraftwerk in Schwarze Pumpe. Simone Wendler / sim

Axel Vogel, Fraktionschef der Grünen im Brandenburger Landtag, hatte die Erstürmung des Kraftwerksgeländes in Schwarze Pumpe am Pfingstmontag noch als Versuch eines von Polizei begleiteten "Durchquerens" bezeichnet. Inzwischen bezweifelt auch er nicht mehr, dass Teilnehmer der "Ende Gelände"-Aktion in das Kraftwerk eindrangen. Das sei in keiner Weise zu rechtfertigen, sagte er am Mittwoch.

Hartmuth Zeiß, Vorstandschef von Vattenfall, dem Betreiber der Lausitzer Braunkohletagebaue und -kraftwerke, findet deutlichere Worte: "Das war fünf Minuten reine Anarchie, bis die Polizei das unter Kontrolle bekam." Die Lage sei äußerst dramatisch und gefährlich gewesen. Die rund 30 Vattenfall-Mitarbeiter, die sich während der Erstürmung des Geländes im Kraftwerk befanden, seinen völlig geschockt gewesen.

Die Eindringlinge seien geradewegs auf die Trafoboxen des Kraftwerkes zugestürmt und hätten versucht, dort die Brandschutzvorrichtung auszulösen. Wenn das gelungen wäre, so Zeiß, oder Kohlegegner in den mit einem weiteren Zaun gesicherten Hochspannungsbereich gelangt wären, wäre das ohnehin stark gedrosselte Kraftwerk komplett vom Netz gegangen: "Die Kollegen vor Ort hatten dafür schon die Hand auf dem Knopf."

Zeiß hält die Aktion im Kraftwerk auch nicht für eine spontane Entscheidung. "Das war geplant und geübt, die wussten, wo sie hinwollten." Die Äußerungen von Grünen-Fraktionschef Axel Vogel, der während der Aktion in unmittelbarer Kraftwerksnähe war, empfindet Hartmuth Zeiß als Hohn.

Dass die Aktion geplant war, dafür spricht auch ein im Netz verbreiteter Bericht einer Beteiligten. Dort heißt es: "Die Stimmung war ausgelassen, einige rannten in die Gebäudeaufgänge, um die Feueralarme auszulösen." Vattenfall hatte vorausschauend den Tagebau Welzow-Süd vor Pfingsten angehalten und das Kraftwerk Schwarze Pumpe nach der Blockade der Kohlezufuhr auf ein Minimum gedrosselt.

Einer der beiden 800-Megawatt-Blöcke sei ganz angehalten, der andere auf die Mindestkapazität von 350 Megawatt gedrosselt worden, so Vorstandschef Zeiß. "Zusammen mit den Beschädigungen an Gleisen, Kohleverladung und anderer Technik wird sich der Gesamtschaden bei einigen Hunderttausend Euro bewegen", prognostiziert er.

Zeiß bestätigt, dass Vattenfall zunächst die Deeskalationsstrategie der Polizei mitgetragen habe. Als dann sensible Betriebspunkte wie Kohleverladung und Kohlebahn über zwei Tage besetzt und blockiert wurden, hätte die Polizei eher eingreifen müssen: "Die Hilflosigkeit der Kollegen, dem Treiben auf ihren Geräten nur zuschauen zu können, schlägt jetzt in Wut um."

Dazu tragen offenbar auch die später entdeckten Klemmschuhe an Gleisen der Kohlebahn bei, wodurch am Dienstagmorgen eine Lok kurzzeitig entgleiste. Die Klemmen, so Zeiß, seien an den Schienen unter beladenen Waggons angebracht worden, die wegen der Blockaden warten mussten. Auch Signalanlagen seien beschädigt worden.

Professor Jochen Trinckauf von der TU Dresden bestätigt auf Nachfrage, dass diese Gleisklemmen gefährlich waren: "Da würde ich eine Entgleisung nicht ausschließen." Die Fraktion der Grünen im Brandenburger Landtag bezeichnet die Krallen inzwischen als "gemeingefährlich".

Auf Betreiben der CDU werden sich die Landtage in Potsdam und Dresden mit den Protestaktionen und der Rolle von Grünen und Linken beschäftigen, die als "parlamentarische Beobachter" vor Ort waren.

Vattenfall will jetzt das Gespräch mit dem Innenministerium in Potsdam suchen. "Wir können uns nicht verbarrikadieren, der Staat muss hier Grenzen zeigen", fordert Zeiß. Die Pfingstereignisse hätten einige grundsätzliche Fragen aufgeworfen, auf die es nun Antworten geben müsse.

Mehr Bilder, Film, Video

und Dossier unter www.lr-online.de/kohle

Zum Thema:
Gegen fast 350 namentlich bekannte Teilnehmer der Blockade- und Erstürmungsaktionen am Pfingswochenende im Lausitzer Revier wurden Ermittlungsverfahreneingeleitet. Den Besetzern, die zum Teil aus dem europäischen Ausland kamen, werden verschiedene Straftaten vorgeworfen, von schwerem Landfriedensbruch bis zum Eingriff in den Bahnverkehr.Nach Angaben von Vattenfall hinterließen die Besetzer eine "Spur der Verwüstung" auf den Anlagen. Gleise und Steuerungstechnik wurden beschädigt.Die Anti-Kohle-Proteste am Wochenende in der Lausitz wurden vom Netzwerk "Ende Gelände" organisiert. Ausgangspunkt der Aktivitäten war das Klimacamp im Welzower Ortsteil Proschim. sim