Plötzlich führungslos: Nach dem Rücktritt des früheren Frontmanns Lutz Bachmann wegen "Hitler"-Selfie und Ausländerbeleidigungen schmeißt nun gleich die Hälfte der Pegida-Führung hin - darunter auch das "neue Gesicht" der islamkritischen Bewegung, Kathrin Oertel. Grund soll ein Streit über die Rolle Bachmanns und die künftige Ausrichtung des zwölfköpfigen Organisationsteams sein. Pegida selbst spricht auf der Facebook-Seite von massiven Anfeindungen und Drohungen, die Oertel zu der "Auszeit" bewogen hätten.

Es lief schon lange nicht rund bei den selbst ernannten "Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes", die seit Oktober des vergangenen Jahres montags in Dresden auf die Straße gehen. Zuletzt nahmen nach Polizeiangaben am vergangenen Sonntag mehr als 17 000 Menschen an der Kundgebung vor der Semperoper teil. Dass nun gleich die ganze Führungsriege auseinanderbricht, überrascht.

Bachmann sorgte von Anfang an für Unruhe in der Pegida-Spitze. Vor Monaten kam seine zwielichtige Vergangenheit ans Licht - inklusive Vorstrafen wegen Einbruchs- und Drogendelikten. Damals kündigte er an, sich aus der ersten Reihe der Bewegung zurückzuziehen. Aber er tat es nicht. Auch nachdem wüste Beschimpfungen von ihm gegen Ausländer öffentlich wurden, verkündete er zwar seinen Rückzug, aber er verschwand nicht.

Einigen aus der Pegida-Spitze wurde es nun zu viel. Bachmann habe sich nicht in dem Maße zurückgezogen, "wie wir uns das wünschen", sagt einer der Aussteiger, das AfD-Mitglied Achim Exner. "Bislang hat sich Pegida auf die bürgerliche Mitte konzentriert, derzeit gibt es jedoch eine Tendenz zum rechten Rand, die wir nicht mittragen können." Auch René Jahn, der ebenfalls den Führungszirkel verlassen hat, schimpft, es könne nicht sein, dass sich Pegida in aller Deutlichkeit von Bachmanns Äußerungen distanziere, dieser aber im Organisations-Team bleiben wolle. "Mit diesem Nazi-Zeug möchte ich nichts zu tun haben."

Bachmann stellt die Sache anders dar. Oertel habe sich zurückgezogen, weil sie aus Antifa-Kreisen bedroht worden sei. Von ihr persönlich ist zunächst nichts zu hören. Sie sollte das neue, saubere Gesicht der Pegida sein - ohne kriminelle und fremdenfeindliche Vergangenheit. Doch der Plan hatte nicht lange Bestand.

Der frühere CDU-Stadtrat von Meißen, Thomas Tallacker, habe wegen seines Engagements bei Pegida berufliche Nachteile gehabt, hieß es auf der Facebook-Seite von Pegida zur Begründung seines Rückzuges. Auch der Wirtschaftsberater Bernd-Volker Lincke trat aus dem Führungskreis zurück. Er sagte auf Nachfrage: "Ich kann und will mich mit den Äußerungen von Lutz Bachmann nicht identifizieren."

Kommentar zum Artikel: Pegida zerbröselt

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Der Berliner Politikwissenschaftler Hajo Funke sieht angesichts der schweren Führungskrise bei der islamkritischen Bewegung Pegida keine Zukunft für das Bündnis. "Das ist der Anfang vom Ende der Pegida-Bewegung", sagte Funke am Mittwoch in Berlin. Derart viel Chaos könne das Bündnis nicht ertragen. "Man kann keine Bewegung erhalten, die in sich zerstritten ist und nicht weiß, was sie will." Die "Feindbildmache", die Pegida bislang betreibe, könne das Bündnis offenkundig nicht zusammenhalten. Funke wertete die Streitigkeiten an der Pegida-Spitze als positive Entwicklung. "Das ist eine Stunde für die Demokratie und gegen die Ausgrenzung."