Das Nesthäkchen heißt Karl und ist eine zahme Elster. Jeden Morgen frühstückt die Ersatzmutter mit ihrem Schützling.Die Küche ist im Hause Rommerskirch seit jeher der wichtigste Raum der Familie. Doch nun geht es nicht mehr nur um leckeren Eintopf, Kuchen oder Kaffee. "Karl-Gucken" ist angesagt. Denn hier hat die Elster ihr neues Heim gefunden, nachdem sie aus einem Nest auf den Bürgersteig fiel. Kerstin Rommerskirch nahm das halbnackte Wesen unter ihre Fittiche. Sie setzte das damals zehn Zentimeter kleine Knäuel in einen Käfig und begann es liebevoll mit der Hand aufzuziehen. "Ging die Sonne auf, war für mich die Nacht zu Ende", denkt die Altenpflegerin an die ersten Tage zurück. "Da wollte mein Karl gefüttert werden." Aus diesem Tete-a-tete in aller Frühe entwickelte sich das gemeinsame tierische Frühstück. Denn nach wenigen Wochen begann Karl die Küche im Flug zu erobern. Nun wartet er jeden Morgen auf seine Ziehmutter. Schon das Tischdecken verfolgt der Vogel mit Elsteraugen, stibitzt Leckerlis, wie Weintrauben. Kerstin Rommerskirch kocht auch ein Frühstücksei mehr, das Karl liebend gern mit seinem spitzen Schnabel auf- und auspickt. Hat er genug gefressen, fängt er an zu bunkern. Alles, was er so fliegend ein paar Meter transportieren kann, landet auf den höher gelegenen Küchenschränken.Doch schlechte (Futter-)Zeiten braucht Karl nicht zu fürchten. Er ist das Nesthäkchen der Familie geworden und wird von allen verwöhnt. Bevor es abends die diebischen Elsteraugen schließt, nimmt es ein Bad in der Schüssel. Dann geht's ab in den Käfig. Im Garten entsteht für Karl gerade eine Voliere. "Er ist so zahm, dass man ihn nicht mehr auswildern kann", meint die Tierfreundin. Zurzeit bringt sie ihm sogar das Sprechen bei. Seinen Namen kann der Singvogel schon sagen. Nun freut sich Kerstin Rommerskirch auf die nächsten 15 Jahre mit ihrem Karl, denn so alt wird eine Elster in geschützter Umgebung.