Wilfried Baronick aus Burg im Spreewald kann sich an eine derartig strenge Frostperiode bis in den März hinein nicht erinnern. „Auf der Spree schwimmt noch dickes Eis. Das hat es in den letzten 30 Jahren nicht mehr gegeben“ , sagt der 51-jährige Gemüsebauer. 1947 sei es mal ähnlich kalt gewesen, habe ihm eine ältere Spreewälderin berichtet.
Die Auswirkungen des strengen Winters mit Schnee und vor allem Kälte - in der Nacht zum Montag waren es minus 14 Grad - seien „drastisch“ . Über 10 000 Jungpflanzen stauen sich bei Baronick im Gewächshaus. „Die sollten schon längst ausgepflanzt und mit Folie abgedeckt sein“ , sagt er. „Wir finden aber keinen Anfang. Ich musste meine Leute immer wieder nach Hause schicken.“

Störung der Anbaukette
Auf 20 Hektar baut Baronick Kohl, Salat, Gurken und anderes Gemüse an. „Schnee im März, das ist nicht ungewöhnlich. Liegt der auf der Folie, schadet das den Pflanzen nicht. Durch den Frost sind uns aber die Hände gebunden.“ Bis zu 30 Zentimeter tief sind die Böden gefroren, sodass Baronick mit weiteren Verzögerungen rechnet.
„Die Kontinuität der ganzen Kette ist durchbrochen“ , so der Spreewald-Bauer. Er befürchtet Auswirkungen bis zur Vermarktung des Gemüses, weil es durch die Zeitverzögerung nicht mehr gestaffelt angebaut, heranwachsen und bedarfsgerecht angeboten werden kann.
„Die Frühjahrsarbeiten entwickeln sich zum Windhund-Rennen“ , beschreibt Egon Rattei, Vorsitzender der Agrargenossenschaft Forst, die Lage. Schon jetzt sei man mehr als zwei Wochen in Verzug. „Die Arbeiten spitzen sich in diesem Frühjahr in einem Maße zu, wie wir das noch nicht hatten.“ Neben den Verzögerungen bei der Frühjahrsbestellung beunruhigen den Chef des Kreisbauernverbandes Spree-Neiße auch mögliche Auswirkungen der Fröste auf die Wintersaaten entlang der Spree. „Vor allem bei Raps und Wintergerste könnten die starken Fröste im Januar bei fehlender Schneedecke bis zu 40 Prozent Verluste verursacht haben“ , stellt Rattei nach Feldbegehungen fest. „Genau einschätzen lässt sich das aber nicht, weil wir ja nicht an die Wurzeln der Pflanzen kommen.“
Thomas Goebel, Chef der Agrargenossenschaft Göritz und des Kreisbauernverbandes Niederlausitz-Spreewald, schließt nicht aus, dass vor allem die Getreidesaat „mächtig gelitten“ haben könnte. Er schätzt, dass mindestens eine weitere Woche bis zu den ersten Feldarbeiten verstreicht. 600 Hektar Äcker müssen die Göritzer in kurzer Zeit düngen, pflügen und bestellen.

Beurteilung ist noch schwierig
Obwohl die Zeit drängt, sagt Goe bel: „Wir müssen einfach die Ruhe bewahren und warten, bis wir auf die Felder können, ohne dass wir die Struktur der Böden beschädigen.“ Goebel setzt auf zwei Faktoren: auf seine Traktoristen, „die bereit stehen und loslegen wollen“ , und „auf die Natur, die vieles im Laufe der Vegetation aufholt“ .
Das sieht auch Lothar Adam, Referatsleiter Acker- und Pflanzenbau vom brandenburgischen Landesamt für Verbraucherschutz, so. Er empfiehlt, sobald das möglich ist, Pflanzenproben samt Erdballen zu nehmen und in einem warmen Raum genau zu beobachten, wie die Pflanzen reagieren. Noch könne nicht beurteilt werden, in welchem Umfang vor allem Raps und Gerste nach dem guten Aufwuchs im Herbst vergangenen Jahres in den darauf folgenden Monaten gelitten haben. Bei Schäden in den Winterkulturen sollten sich die Bauern genau überlegen, ob die betroffenen Felder neu umgebrochen und bestellt werden. „Das ist teuer. Oft ist es besser, mit den Frostlücken zu leben“ , rät er.
Auch der Landesbauernverband Brandenburg hält sich mit Einschätzungen über die Auswirkungen des langen Winters zurück. „Die können von Region zu Region sehr unterschiedlich sein. Ausfälle bis 30 Prozent sind denkbar“ , erklärt Verbandssprecher Holger Brantsch. Sicher sei gegenwärtig nur, „dass die Arbeitsbelastung in den Betrieben sehr hoch sein wird“ .
Die Meteorologen machen indes wenig Hoffnungen auf ein schnelles Ende des Winters. Nach Angaben des Wetterdienstes Meteomedia waren jüngst so niedrige Temperaturen wie noch nie in einer Nacht Mitte März gemessen worden. Auch wenn die Natur nach Auffassung der Wetterforscher gut drei Wochen hinter dem Zeitplan zurückliegt, müssten daraus keine negativen Konsequenzen entstehen. „Ich sehe keine Ertragseinbußen“ , sagt der Abteilungsleiter für Agrarmeteorologie des Deutschen Wetterdienstes, Ulrich Otte. „Wir sind ein wenig verwöhnt, weil in den vergangenen Jahren alles früher begonnen hat.“

Mehrkosten in Tierproduktion
Schäden bei den Winterkulturen könne man noch nicht beurteilen, erklärt Manfred Böhm, Sprecher des sächsischen Landesbauernverbandes. „Wir haben ja in den Gebirgslagen noch bis zu zwei Meter Schnee auf den Feldern.“ Die Schneemassen bereiten nach Auskunft von Böhm den Bauern erhebliche Probleme und Kosten bei der Versorgung der Tierbestände. In vielen Orten sei es schwierig, die Wege zu Anlagen und Silos freizuhalten. „Der Transportaufwand ist erheblich“ , schätzt Böhm ein.
Besonders schmerze in diesem Zusammenhang der Wegfall der Steuerbegünstigung für Agrardiesel ab 10 000 Liter. Ein Betrieb, der 1500 Hektar bewirtschafte, müsse nach Angaben des Bauernverbandssprechers mit bis zu 80 000 Euro Mehrkosten rechnen. Da die Erzeugerpreise weiter im Keller sind, seien das erhebliche Belastungen, so Böhm. Im Zusammenhang mit der Frühjahrsbestellung rät er zu Gelassenheit. „Es wird sicher schwierig, aber einen Grund zur Panik gibt es nicht.“