Vor den Präsidenten Russlands und der USA lag auf dem Pult im Spanischen Saal der Prager Burg der neue Start-Abrüstungsvertrag. Hinter ihnen lagen monatelange zähe Verhandlungen, in denen viel Misstrauen zwischen den einstigen Rivalen des Kalten Kriegs zu überwinden war.

Medwedew sprach von einem „wahrhaft historischen Augenblick“, Obama von einem „außerordentlichen Ereignis“. Der neue Start-Vertrag, der ein älteres Abkommen aus dem Jahr 1991 ersetzt, hat mehrere Facetten. Zunächst einmal verkleinert er die atomaren Arsenale der USA und Russlands auf den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten. Jede Seite soll 1550 Atomsprengköpfe für strategische Waffen behalten dürfen. Darüber hinaus soll das Abkommen als Brücke dienen für weitere Abrüstungsschritte und für Obamas Ziel, aggressiv auftretenden Staaten wie dem Iran oder Nordkorea die atomare Aufrüstung zu verweigern. Auf bilateraler Ebene soll es die Beziehungen zwischen Washington und Moskau beleben, die unter der Regierung von Obamas Vorgänger George W. Bush sehr eisig geworden waren. „Wenn die USA und Russland nicht in der Lage sind, in großen Fragen zusammenzuarbeiten, ist das nicht gut für unsere Länder und die Welt“, sagte Obama auf der Prager Burg. „Der heutige Tag ist ein wichtiger Meilenstein für die nukleare Sicherheit, für die Eindämmung der atomaren Weiterverbreitung und für die Beziehungen zwischen den USA und Russland.“ Seinen russischen Kollegen Medwedew bezeichnete er als „Freund und Partner“.

In den langen Verhandlungen über das neue Start-Abkommen konnten Obama und Medwedew offenbar ein Vertrauensverhältnis aufbauen. In seiner Tischrede beim feierlichen Essen nach der Unterzeichnung hob Obama das Glas auf Medwedew und sagte: „Dmitri, wir haben gelernt zusammenzuarbeiten.“ Insgesamt 14-mal hatten sie nach US-Angaben telefonisch oder in Begegnungen über den Vertrag beraten, ehe der Durchbruch gelang.

Die Beratungen seien „nicht einfach“ gewesen, sagte Medwedew in Prag. „Was hier wirklich zählt, ist, dass wir eine Win-Win-Situation haben“, sagte er. „Niemand verliert bei diesem Abkommen. Das ist ein Grundzug unserer Kooperation: Beide Seiten haben gewonnen.“ Es hatte für den Kreml enorme politische Bedeutung, dass die frühere Supermacht Russland der verbliebenen Supermacht USA bei den Verhandlungen über die Atomwaffen auf gleicher Augenhöhe gegenübertreten konnte.

Russland ist wirtschaftlich geschwächt, an seinen Rändern im Nordkaukasus gärt es. Nur sein alterndes Atomarsenal stützt Russlands Selbstverständnis als Großmacht. Dieser Anspruch erklärt auch, warum Russland selbst in Prag so vehement gegen eine US-Raketenabwehr argumentierte. Ein US-Raketenschild könnte Russlands atomares Drohpotenzial entkräften und so die angestrebte Balance stören. Parallel zur Unterzeichnung in Prag veröffentlichte der Kreml ein Statement mit drohendem Unterton: Der Start-Vertrag sei nur dann „lebensfähig“, wenn die USA auf die „Expansion“ einer Raketenabwehr verzichteten. Standpunkt der USA ist es freilich, dass das Abkommen den Plänen für eine Raketenabwehr keinerlei Hürden auferlegt.

In Prag indes blieben die Differenzen im Hintergrund. Medwedew ließ durchblicken, dass die neue Freundschaft für Obama bald Dividenden einbringen dürfte – etwa in Form einer Unterstützung Russlands für neue UN-Sanktionen gegen den Iran. Dann stünde nur noch die Vetomacht China einer neuen Strafrunde gegen Teheran im Wege. Obama bekräftigte, das Fernziel seiner Politik bleibe jenes, das er vor einem Jahr in einer Rede in Prag beschworen hatte: eine Welt ohne Atomwaffen, „auch wenn das vielleicht nicht in meiner Lebenszeit erreicht wird“ .