Washingtons Chefdiplomat, munkelte man in Jerusalem, wolle sicherstellen, dass er dem von Israel und den USA boykottierten Präsidenten Jassir Arafat "nicht zufällig über den Weg" laufe. Zwar winkten US-Diplomaten ab. Sicherheitsexperten hätten sich für das abgelegene Nest an der Grenze zu Jordanien entschieden, hieß es in Botschaftskreisen.
Doch auch sie konnten den Eindruck nicht verwischen, dass der 73-Jährige bei den Verhandlungen um die Verwirklichung des Nahost-Fahrplans schon jetzt eine Rolle spielt, die ihm Washington und seine engsten Verbündeten in Jerusalem um keinen Preis zugestehen wollten.

Machtzentrum ausgebaut
Alle Versuche Israels und der USA, den PLO-Chef als Faktor bei den Friedensbemühungen auszuschalten, scheinen gescheitert zu sein. Zwar wurde Arafat durch den von ihm nur zögernd ernannten Abbas aus dem Scheinwerferlicht verdrängt, doch zeigte sich bereits in den ersten Wochen von dessen Amtszeit, dass weit reichende Entscheidungen im Palästinenserland gegen Arafats Willen unmöglich sind.
Arafat, der in seinem demolierten Hauptquartier von treuen Gefolgsleuten umgeben ist, hat - unbeachtet von den Medien - das ihm verbliebene Machtzentrum ausgebaut und nutzt die ihm nach der neuen Verfassung gebliebenen Befugnisse exzessiv, um seinen Stellvertreter Abbas zu kontrollieren und notfalls auszubremsen. Immerhin ließ ihm das Palästinenserparlament die Funktion als "Oberbefehlshaber der Nationalen Verteidigungskräfte" und die Oberverantwortung für den Friedensprozess.
Arafat hat auf diese Weise nicht nur die Befehlsgewalt über fünf bewaffnete Milizen mit einer Stärke von über 20 000 Mann. An ihre Spitze hat er mit dem früheren Innenminister Hani el Hassan auch einen Weggefährten gesetzt, den Regierungschef Abbas wegen Unfähigkeit nicht in seinem Kabinett haben wollte. Seine "Sicherheitskräfte" kann Arafat jederzeit als Druckmittel gegen Abbas einsetzen, der versuchen muss, die gewalttätigen Extremisten in den Palästinensergebieten zu stoppen. Außerdem kontrolliert er über den in seinem Hauptquartier verschanzten Taufik Tiraui den wichtigsten Geheimdienst der Autonomiebehörde.
Allein mit diesen Mitteln kann der PLO-Chef jederzeit die Bemühungen von Abbas, vor allem aber die von dessem neuen Sicherheitschef Mohammed Dachlan, unterlaufen. Und der alte Taktiker Arafat nutzt sie weidlich aus. Dazu hat er in den vergangenen Wochen ohne rechtliche Grundlage dutzende Vertraute in öffentliche Ämter gehoben und zu "Beratern" erklärt, die unter Abbas ihren Job verloren haben. Bezahlt werden sie aus der gut gefüllten Präsidentenschatulle.
Dass Arafat als PLO-Vorsitzender und Chef der Fatah gleichzeitig auch noch die große Mehrheit der Abgeordneten im Parlament zu Ramallah kontrolliert, ist ein weiteres Plus des Präsidenten, der sich beim Gezänk um die Grundgesetzänderungen auch noch ein Mitspracherecht bei der Regierungsbildung sicherte.

Vertraute im Kabinett
Berichte von einem offenen Streit zwischen Arafat und Abbas wegen der heimlichen Benennung von Dachlan zum amtierenden Innenminister beweisen, dass Arafat nicht klein beigibt, wenn es um seine Interessen geht. Dazu postierte der Präsident eine Reihe engster Vertrauter im Kabinett, die ihm nach unabhängigen Berichten hinterbringen, was sein politisch unerfahrener "Rivale" Abbas plant und tut.
Kann Arafat, der nach Umfragen fünfmal so beliebt ist wie Abbas, bei der Tagespolitik schon ein Wort mitreden, so wird seine Rolle im Friedensprozess umso stärker. Im Ringen um die Macht sicherte Abbas ihm immerhin die Oberhoheit über Verhandlungen mit Israel zu. "So lange Arafat lebt, geht kein Weg an ihm vorbei", meinte ein führender europäischer Diplomat deshalb schon Wochen vor der "politischen Reform" in der Autonomiebehörde: "Und nur er wird am Ende in der Lage sein, einen Friedenskompromiss mit Israel zu unterschreiben."