Knapp 1400 Kilometer liegen zwischen der französischen Stadt Poitiers und Berlin. Eine Entfernung, die der französische Regierungschef Manuel Valls am Samstagabend in seinem Regierungsjet zurücklegte, um vom Parteitag seiner Sozialisten zum Champions-League-Finale zu kommen. Dass der Kurztrip den Steuerzahler rund 20.000 Euro kostet, ist ärgerlich. Noch ärgerlicher ist für die Sozialisten allerdings, dass ihr Premierminister, der am Mittag in Poitiers noch eine flammende Rede gehalten hatte, wenige Stunden später seine wahre Begeisterung zeigte - für den FC Barcelona, den Verein seiner Geburtsstadt.

Die versteckte Botschaft von Valls' Wochenendausflug lautet: der Parti Socialiste (PS) fasziniert drei Jahre nach dem Wahlsieg von François Hollande nicht mehr. Rund 40.000 Mitglieder verlor die Partei in den vergangenen drei Jahren. An parteiinternen Abstimmungen beteiligte sich nicht einmal mehr die Hälfte der Mitglieder und in Poitiers war die Messehalle meist nur halb besetzt. Die Sozialisten haben nur noch einen gemeinsamen Nenner: die Macht. Deshalb verzichtete auch der linke Flügel beim Parteitag auf Kritik an der Regierung. Zähneknirschend nahmen die "Frondeurs" das Abstimmungsergebnis der Leitanträge hin, das im Vorfeld eine Mehrheit von 60 Prozent für die Regierungslinie ergeben hatte. Valls wurde minutenlang beklatscht.


Neue Maßnahmen für Unternehmen

Ein gewaltiger Unterschied zum traditionellen Sommertreffen der Partei in La Rochelle vor neun Monaten, als der 52-Jährige noch ausgebuht worden war, weil er zuvor bekannt hatte: "Ich liebe die Unternehmen". Inzwischen scheint die Partei auf die "realistische" Linie des Regierungschefs einzuschwenken. So interpretiert zumindest der Delegierte Jérôme Safar die Reaktion der Parteimitglieder. "Nah an der SPD" sei der neue Kurs, sagt der Kommunalpolitiker aus Grenoble. Ein ideologischer Erneuerungsprozess wie bei der SPD mit ihrem Godesberger Programm fehlt den französischen Sozialisten allerdings. "Wir müssen uns neu erfinden", hatte Valls noch vor einem Jahr gefordert. "Die Linke kann sterben."

Von diesem Szenario ist der Regierungschef nun abgekommen: statt auf Reformen setzt er auf Pragmatismus. Der Leitantrag, den er unterstützte, ist stramm links, doch sein Kurs ist weiter unternehmerfreundlich. Und abrücken wird er davon nicht, das machte Valls in Poitiers klar. "Die Reformen gehen weiter, ohne Pause". Gleich am Montag stellte er neue Maßnahmen vor, mit denen kleine und mittlere Unternehmen angesichts der Rekordarbeitslosigkeit zu Neueinstellungen ermutigt werden sollen. "Alles für die Arbeitgeber", kritisierte prompt der Abgeordnete Patrice Prat, der dem geschassten Industrieminister Arnaud Montebourg nahesteht.

Montebourg war es auch, der den Sozialisten am Wochenende ihre Fassade der Einheit zerstörte. In einem Zeitungsbeitrag rechnete der Parteilinke, der nicht nach Poitiers gekommen war, mit der Wirtschaftspolitik der Regierung ab. "Diese Politik verbreitet Wut, Verdruss, Gewalt bei Millionen unserer Mitbürger, die sich betrogen, verraten und verlassen fühlen."

Umstrittenes Gesetz wieder in Nationalversammlung

Fast die Hälfte der Franzosen ist drei Jahre nach dem Amtsantritt des inzwischen höchst unbeliebten Hollande der Meinung, dass der PS "nicht genug links" sei. Das gilt vor allem für Wirtschaftsminister Emmanuel Macron. Der ehemalige Rothschild-Banker ist Autor eines Gesetzes, mit dem das Wachstum in Frankreich angekurbelt werden soll. Die Maßnahmen, die darin stehen, sind bescheiden: Erleichterung des Zugangs zu bisher reglementierten Berufen wie Notaren, Ausweitung der Ladenöffnungszeiten am Sonntag, Ausbau der Fernbuslinien.

Doch als das Gesetz im Februar in erster Lesung in der Nationalversammlung verabschiedet wurde, war die Angst vor einem Nein der "Frondeurs" so groß, dass Valls den Text mithilfe des Gesetzesartikels 49-3 ohne Votum annehmen ließ. In dieser Woche ist die "Loi Macron" nun zur zweiten Lesung wieder im Abgeordnetenhaus. Ob Valls dann denselben Kniff noch einmal anwendet, will er in den nächsten Tagen entscheiden. Neuer Ärger mit der Parteilinken ist auf alle Fälle vorprogrammiert.