Es sieht aus, als leide der 14-Jährige, der sich „Crazy“ nennt, an nervösen Zuckungen. Tut er aber nicht. Er tanzt Tecktonik. Um ihn herum stehen etwa 40 Mädchen und Jungen im Kreis, wippen im Takt des dröhnenden Basses und feuern Hugo an. Freedance, freies Tanzen, so enden die Tecktonik-Trainingsstunden in einem Pariser Fitnessstudio. Die anderthalb Stunden Tanzkurs scheinen sich für Hugo gelohnt zu haben. „Das, was ich hier gelernt habe, übe ich dann mit meinen Kumpels auf der Straße weiter“ , sagt er außer Atem.
T ecktonik ist bislang vor allem ein französisches Phänomen. Die warme Jahreszeit lockt die jugendlichen Tänzer und Tänzerinnen wieder heraus auf die Straßen von Paris. Am Platz Trocadero gegenüber vom Eiffelturm oder im Schatten des Centre Pompidou stehen dann ganze Gruppen von Tecktonikern und zucken mit Armen und Beinen, so gut sie können. Mittlerweile wird Tecktonik nicht mehr nur draußen getanzt, sondern auch in Sportstudios angeboten.
Hinter dem DJ-Pult in der Gymnastikhalle steht Cyril Blanc, nickt im schnellen Takt der Musik und schaut den Jugendlichen dabei zu, wie sie mit den Armen in der Luft herumfuchteln und ihnen die Schweißperlen von der Stirn tropfen. Zusammen mit seinem Freund Alex hat der 30-Jährige vor acht Jahren Tecktonik erfunden. Alles fing im Nachbarland Belgien an. Dort zappelten Jugendliche schon Ende der 90er-Jahre zu Hardteck- und Hardtrance-Beats. Cyril und Alex organisierten die ersten Teckno-Nächte im Metropolis, einer riesigen Disco in einem Pariser Vorort. Tecktonik kommt vom Wort Tektonik, das Verschiebungen der Erdkruste beschreibt. „Es ist ein Aufeinandertreffen verschiedener Musikrichtungen“ , erklärt Cyril, während er eine CD zurück in ihre Hülle schiebt. „Hardstyle und Jumpstyle aus Belgien treffen auf etwas weichere Elektro-Beats aus der Schweiz und Spanien.“
A uf den ersten Tecktonik-Killer-Partys im Metropolis tanzten an Wochenenden bis zu 8000 Jugendliche zu der harten elektronischen Musik. In einer Art Boxring traten sie in Battles, eine Art Zweikampf, gegeneinander an. Die Zuschauer kürten am Ende des Abends mittels Applaus den Sieger. Aus dem Metropolis wurde der Trend in die Straßen von Paris gespült.
Mickael möchte Micktazz genannt werden. Eigentlich ist der 20-Jährige Installateur. Seitdem er viele Tecktonik-Wettkämpfe im Metropolis gewonnen hat, tritt er in professionellen Videoclips als Tänzer auf. Mit seiner Tecktonik-Tanzgruppe Les Eklésiastes trainiert er wöchentlich zehn Stunden an einem Ort, den er nicht nennen möchte. Die Tänzer haben nämlich Angst, dass man ihnen neue Schrittkombinationen abschaut. Regelmäßig touren sie durch Frankreich und treten in Klubs und im Fernsehen auf. „Im Prinzip kann auch jemand, der eigentlich keine Ahnung vom Tanzen hat, Tecktonik tanzen lernen“ , sagt Micktazz. Choreografien, wie man sie in Tanzkursen lernt und wie er sie mit seiner Gruppe einstudiert, sehen zwar gut aus, sind aber nicht alles. „Freiheit und Freestyle - wir respektieren jeden Tecktoniker. Deshalb ist Tecktonik auch zu so einem Trend geworden“ , sagt Micktazz.
K ein Trend ohne dazu passende Mode. Viele Tecktoniker erkennt man schon an ihren asymmetrischen Frisuren: Bei dem für sie typischen Haarschnitt sind die Haare am Oberkopf wie ein Hahnenkamm aufgestellt und die Seiten kurzgeschoren, manchmal mit einrasierten Mustern. Auch die Klamotten sind wichtig. Einen festen Dresscode gibt es unter Tecktonikern aber nicht. Hautenge Röhrenjeans, dazu T-Shirts mit grellen, neonfarbenen Aufdrucken sind nur eine Variante der Mode der Tänzer. Tecktonik will universell sein: Jeder soll es tanzen können, selbst in abgewetzten Jeans.
„Ich gehe immer mit der Mode. Momentan ist der Skater-Look total in“ , sagt Micktazz. Dazu gehören etwa Baggy-Hosen mit Flecktarnmuster, die bis in die Kniekehlen hängen, Baseballkappen oder Basketballschuhe aus Lackleder. „Wir Tecktoniker achten sehr darauf, dass wir gut aussehen“ , sagt er. Schminken würde er sich jedoch nicht. „Das ist was für Mädchen.“
Micktazz arbeitet nebenbei in der Pariser Boutique Atelier Self-Creation, die als einzige die Tecktonik-Marke TCK führt. Jugendliche kommen regelmäßig in den Laden, um die T-Shirts mit dem speziellen Adler- und Stern-Logo, dem Markenzeichen der Tecktonik, zu kaufen. Der Adleraufdruck hatte anfangs Polemik ausgelöst, weil er an den Reichsadler der Nazis erinnert. Solche Vorwürfe weist der Tecktonik-Erfinder Cyril zurück. „Das ist absoluter Quatsch! Wir haben den Adler als unser Markenzeichen gewählt, weil er ein Symbol für Stärke ist. Mit den Nazis wollen wir nichts zu tun haben“ , sagt er.
2002 hatte Cyril sich die Marke TCK schützen lassen - davon wird er voraussichtlich noch sehr profitieren, denn die Vermarktung hat gerade erst begonnen. Da er aber auch weiß, dass Tecktonik von den Jugendlichen lebt, hat er nichts dagegen, wenn sie private Tecktonik-Partys organisieren - solange die umsonst sind und kein Profit damit gemacht wird. „Tecktonik ist für Leute mit Leidenschaft und ohne Geld“ , sagt er.
D ass Tecktonik in Frankreich so populär ist, liegt für Cyril vor allem an Videoportalen wie Dailymotion oder YouTube. „Es ist das Internet, das den Trend auf die Straße gebracht hat“ , sagt er. Hunderte mehr oder weniger professionelle Tecktonik-Videoclips stehen dort zum Abruf bereit. Das habe vor allem die Jüngeren, die noch nicht in die Discos dürfen, zum Mitmachen animiert.
Anders als beim Breakdance in den benachteiligten Vierteln von New York versteht sich Tecktonik nicht als Kultur. Eine Botschaft oder gar eine Philosophie steckt nicht hinter dem wilden Getanze. Tecktonik will apolitisch bleiben. „Es geht um die Mode und um die Ästhetik“ , sagt Cyril.
Dass sich damit viel Geld verdienen lässt, hat auch die Industrie erkannt. Hersteller von Haarpflegeprodukten, Friseursalons und Plattenlabels sind bereits auf den Zug aufgesprungen. So ist eine Tochterfirma des Privatsenders TF1 seit vergangenem Dezember Agent der Marke TCK. Sie verwaltet die TCK-Geschäfte. „Wir haben uns mit TCK zusammengeschlossen, weil die Marke positive und saubere Werte transportiert. Keine Drogen, kein Alkohol, kein Rassismus“ , sagt der stellvertretende Geschäftsführer von TF1 Entreprises, Hubert Taieb. „Stattdessen steht Tecktonik für Solidarität, Dynamik, Spaß und Energie“ , fügt er hinzu. TF1 Entreprises will eine Reihe von Tecktonik-Produkten auf den Markt bringen: Energydrinks, Schreibwaren, Taschen, Videospiele und Mobiltelefone sollen erst der Anfang sein. Außerdem wolle man die Tecktonik-Bekleidungskollektion ausweiten.
U nterdessen vermarktet EMI-Musik die Tecktonik-Platten und will die Beats des Stils auch international auf die vorderen Plätze der Charts bringen. Die ersten drei TCK-Compilations haben sich in Frankreich jeweils mehr als 250 000-mal verkauft und wochenlang die vorderen Plätze der Charts belegt. Demnächst soll auch eine offizielle Tecktonik-DVD erscheinen. Damit kann jeder die zuckenden Bewegungen im eigenen Wohnzimmer üben.
Auch andere Firmen wollen den Trend ausschlachten und haben die jugendlichen Tänzer als Zielgruppe erkannt. L'Oréal und Schwarzkopf entwickeln nach Medienberichten eine Haarpflegelinie, die den Tänzern verspricht, ihre Irokesen-Kämme trotz des Gezappels in Form zu halten. Der Sportschuhfabrikant Reebok überlegt angeblich, spezielle TCK-Schuhe zu entwerfen. Reebok hatte bereits Tecktonik-Tänzer für Videoclips gesponsert.
Die Gründer des Trends, Cyril und Alex, versuchen derzeit, Tecktonik auch jenseits von Frankreich bekannt zu machen. Kürzlich waren sie sogar in Japan, um dort nach geeigneten Orten und Partnern für die ersten Tecktonik-Partys zu suchen. Deutschland haben sie auch auf dem Programm. Auf YouTube gibt es bereits ein Video, das einen wild fuchtelnden Tecktonik-Tänzer vor dem Brandenburger Tor und dem Checkpoint Charlie in Berlin zeigt.