Wie ein Flächenbrand breiten sich die Proteste gegen die Liberalisierung des Arbeitsrechts in Frankreich aus. Als Zündfunke reichte eine überstürzt durchgepaukte kleine Reform, die selbst nach Einschätzung des Arbeitsministers Jean-Louis Borloo "nur eine kleine Anzahl Einstellungen" betrifft: der "Vertrag Ersteinstellung" (CPE), der den Kündigungsschutz für Berufsanfänger aufhebt. Jetzt hofft die Regierung auf eine klare Niederlage vor dem Verfassungsrat: Wenn die Weisen das Gesetz kippen, könnte dies die Feuersbrunst vor den Wahlen im Mai 2007 löschen.
Die Aufklärungsabteilung der Polizei brachte schlechte Kunde: Der Kampf um den CPE habe zu einem "Bruch zwischen der Jugend und der Regierung" geführt, hieß es. Dabei müsste man "Jugend" eigentlich ins Plural setzen. Denn das ungleiche Regierungsduo von Premierminister Dominique de Villepin und Innenminister Nicolas Sarkozy hat das Kunststück fertig gebracht, binnen weniger Monate sowohl die ohne Arbeit herumlungernden Jugendlichen aus den armen Vielvölker-Vororten als auch die wohl situierten Bürgerkinder an den Hochschulen gegen sich aufzubringen. Beide Gruppen haben nichts miteinander zu tun und noch weniger füreinander übrig. Doch sie vereint der Zorn auf eine Regierung, der sie vorwerfen, ihre Zukunftschancen zu verbauen.
Gefährlich wird die Jugendrevolte für die Regierung, weil sie sich mit den Gewerkschaften vereint. Die Proteste der Gaswerker gegen die Privatisierung von Gaz de France und der Studenten ergänzten sich, meint die Gewerkschaft CGT und organisiert eine gemeinsame Front. Villepin hatte die Reform im Sturmschritt durchgesetzt, ohne die Sozialpartner zu konsultieren. Er wollte in seiner kurzen Amtszeit bis zur Präsidentenwahl in einem Jahr Erfolge vorweisen. Jetzt steht er mit dem Rücken zur Wand. "Das ist wie 1914/18 in den Schützengräben", sagte er Presseberichten zufolge: "Man muss durchhalten und darf nichts aufgeben." Die Kunst bestehe darin, den selbst bei den Unternehmern unbeliebten CPE wieder abzuschaffen, ohne nachzugeben, heißt es in Regierungskreisen. Dabei könnte ausgerechnet die Opposition helfen: Die Sozialisten haben den Verfassungsrat gegen die Reform angerufen. Wenn die Weisen mit formaljuristischen Einwänden das Gesetz aufheben, wird den Protesten der Anlass genommen und Villepin gewinnt Handlungsfreiheit zurück.
Auf der Strecke bleiben könnte allerdings die Reformfähigkeit des Landes. Denn der CPE war eigentlich Testfall für eine viel umfassendere Erneuerung des Arbeits- und Sozialrechts. Wenn es Villepin nicht einmal mit kleinen Modernisierungsschritten schafft, wie will Sarkozy dann den von ihm propagierten "Systembruch" durchsetzen? Vorsichtig geworden, hat der sonst wortstarke Präsidentschaftsaspirant seine Werbung für das angelsächsische Sozialmodell bereits eingestellt.
"Die Verkrampfung im Streit um den CPE birgt das Risiko, jeden Reformeifer zu diskreditieren", warnt der regierungsnahe "Figaro". Die Reformaussichten würden nicht besser, wenn sowohl Villepin als auch Sarkozy auf dem Weg in den Elyséepalast über den Sozialkonflikt stolpern sollten. Die Sozialisten biedern sich den Protestbewegungen an und versprechen, die Reformuhr noch weiter zurückzudrehen - bis zur Rückverstaatlichung schon privatisierter Unternehmen .