Wie gelähmt erwacht Paris am Samstag nach den schwersten Anschlägen, die die Stadt je erlebt hat. "Das ist eine Kriegshandlung", sagt François Hollande, der um elf Uhr erneut vor die Presse tritt. Gefasst diesmal und entschlossen, nachdem der Präsident am Freitagabend mit der Fassung ringen musste. Nur eine Stunde nach seinem Auftritt bekennt sich der Islamische Staat in einem auf Französisch verfassten Bekennerschreiben zu der schwersten Anschlagserie, die Frankreich je erlebt hat. 128 Tote und 192 Verletzte zählen die Behörden nach der Terror-Nacht in Paris.

Das Wort vom Krieg ist in aller Munde. Die Szenen in den Straßen der Hauptstadt erinnern in der Tat an einen Krieg: Soldaten patrouillieren schwer bewaffnet. Sie wurden noch am Freitagabend vom Präsidenten mobilisiert, der den Ausnahmezustand verhängte und Grenzkontrollen einführte. Mit einer dreitägigen Staatstrauer soll der Opfer gedacht werden. Die meisten Menschen starben im Konzertsaal Bataclan, wo die Heavy-Metal-Gruppe Eagles of Death Metal auftrat, als der Alptraum begann. Die US-Band spielte gerade "Kiss the Devil", als zwei oder drei nicht maskierte Männer mit automatischen Waffen hereinstürmten und blind auf die rund 1500 Konzertbesucher schossen.

"Es war ein Gemetzel"

"Was ihr den Syrern antut, bezahlt ihr jetzt", habe einer der Männer geschrien, berichtete eine Augenzeugin im Fernsehen. Frankreich greift seit Ende September Stellungen des Islamischen Staats in Syrien aus der Luft an. "Es war ein Gemetzel", schilderte eine weitere Augenzeugin die Szene. Eine Gruppe von rund 40 Konzertbesuchern rettete sich über ein Fenster auf das Dach des Gebäudes. "Zwischen den ersten Schüssen und der Evakuierung vergingen gut zwei Stunden", sagte eine von ihnen hinterher. Das Bataclan liegt nur 500 Meter von der Rue Nicolas Appert entfernt, wo zwei islamistische Attentäter am 7. Januar beim Angriff auf die Satirezeitung "Charlie Hebdo" zwölf Menschen erschossen hatten.

Ziele der Angreifer waren am Freitagabend auch ein kambodschanisches Restaurant und die Bar Le Carillon, beide voll besetzt. Vor den Augen der Fernsehzuschauer griffen die Terroristen auch das mit 75.000 Menschen vollbesetzte Stade de France an, wo gerade Deutschland gegen Frankreich spielte - mit Hollande und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier in der Ehrenloge. Nach rund zwanzig Minuten Spielzeit war eine erste schwere Explosion zu hören, gefolgt von zwei weiteren. Sie kamen von drei Selbstmordattentätern, die sich vor den Stadiontoren in die Luft sprengten. Die deutsche Mannschaft blieb die Nacht über im Stade de France und flog direkt von dort aus nach Frankfurt zurück.

Pariser bieten Unterkünfte an und spenden Blut

Nach den Anschlägen forderten die Behörden die Einwohner der Hauptstadt auf, zu Hause zu bleiben. Diejenigen, die in der Stadt unterwegs waren, kamen bei Freunden unter. Über das Schlagwort #PorteOuverte (Offene Tür) im Kurznachrichtendienst Twitter boten Fremde Unterkunft für diejenigen an, die in der Stadt festsaßen. Ein weiterer Hashtag #RechercheParis (Suche Paris) sollte all denen helfen, die noch nach Freunden und Angehörigen suchten.

Am Samstag blieben aus Sicherheitsgründen die Schulen, Universitäten, Museen, Konzertsäle und Schwimmbäder in Paris geschlossen. Mehrere Linien der stets vollbesetzten Metro waren bereits in der Nacht unterbrochen worden und fuhren am Morgen nur unregelmäßig. Im besonders betroffenen zehnten Stadtbezirk bildeten sich Schlangen von Menschen, die Blut spenden wollten. Andere legten Blumen vor den angegriffenen Restaurants nieder. "Was passiert ist, war hundertmal Charlie", sagte eine 18-Jährige, die oft am Freitagabend mit ihren Freundinnen in Paris unterwegs ist. Sie wird nun nicht mehr so leichtfertig ausgehen, denn wie Ex-Präsident Nicolas Sarkozy sagte: "Nichts wird mehr so sein, wie es einmal war."