Die Bilder von brennenden Autos und Straßenschlachten in sozial benachteiligten Betonvierteln der französischen Vorstädte sind zwar seit knapp vier Monaten aus den Schlagzeilen und von den internationalen Fernsehschirmen verschwunden. Der Zündstoff bleibt.

Ein Funke genügt wieder
"Ein Übergriff der Polizei und es geht wieder los", warnt der Bürgermeister der Ile-de-France-Gemeinde Drancy, Jean-Christophe Lagarde: "Seit Mitte Januar sind die Spannungen hier genau wieder spürbar wie im Oktober." Damals wurde die Pariser Politik von der geballten Wucht der Randalierer-Übergriffe am Rande der Großstädte völlig überrascht und wusste sich dann nur mit Notstandsmaßnahmen zu helfen. "Ein Funke genügt", heißt es auch in Clichy-sous-Bois, wo im Herbst 2005 der Unfalltod zweier von der Polizei verfolgter Jugendlicher einen Steppenbrand der nächtlichen Gewalt in Einwanderersiedlungen entfacht hatte. Trotz aller Versprechungen der Regierung, auch von Staatspräsident Jacques Chirac, sei im Grunde alles beim alten.
"Arbeitslosigkeit, Diskriminierung, heruntergekommene Wohnungen, mangelnde Sicherheit. Wir sind bei all dem weit davon entfernt, die Ursachen der Gewalt in den Griff zu bekommen", sagte Olivier Klein vom Bürgermeisteramt in Clichy-sous-Bois dem "Journal du Dimanche". Während junge Leute in den Problemvierteln kaum einen Job finden, "hat man einfach einen Deckel auf den Topf getan und die meisten Bürgermeister stellen sich in ihren Albträumen die Frage, wann und wie es wieder losgeht." So sieht die Vereinigung der Bürgermeister in der Region Ile-de-France rund um Paris (Amif) die Zukunft explosiv.
Als die Welle nächtlicher Gewalt Mitte November abzuebben begann, verzichtete die Polizei von einem Tag zum anderen darauf, die Zahl der in Brand gesteckten Autos und Schulen zu nennen - weil in dem unruhigen Land auch sonst jede Nacht an die 100 Fahrzeuge angezündet werden. Und als nach der Aufhebung des nationalen Notstands etwa in dem Viertel La Source von Orléans wieder mehr Müllcontainer und Autos in Flammen aufgingen, erließ Bürgermeister Serge Grouard von neuem ein (lokales) nächtliches Ausgehverbot für die unter 16-Jährigen. Ihnen darf bis zum 31. Mai kein Benzin in Kanister abgefüllt werden.
Die Versicherungen sehen die Lage ebenfalls unverändert explosiv. "Risiko-Kommunen" müssen nach den 2005 angerichteten Schäden in Höhe von 200 Millionen Euro bis zu 20 Prozent mehr Prämien zahlen und zudem eine Selbstbeteiligung von zwei Millionen Euro "bei den nächsten Unruhen" akzeptieren. Nahezu neun von zehn Franzosen gehen nach Umfragen davon aus, dass es neue Jugendunruhen geben wird. Die Allermeisten haben dabei auch das Gefühl, die Politik habe die Lösung für "das Feuer in den Banlieues" noch längst nicht gefunden.

Neue Dimensionen befürchtet
"Wenn Frankreich keine gewichtige Politik der Beschäftigung und des sozialen Wohnungsbaus auf die Beine stellt, dann kann das Problem der Vorstädte neue Dimensionen annehmen." So warnte der Bürgermeister von Sao Leopoldo nahe Porto Alegre in Brasilien auf einem Forum in Nanterre bei Paris mit Verantwortlichen aus den Vorstädten der Welt. Die Bürgermeisterin von Sumapaz bei Bogotá, Magnolia Agudelo, stimmte ihm zu: "Das Pariser Alarmsignal zeigte, dass die Menschen sich von politischen Entscheidungen ausgenommen fühlen."