Ausgerechnet der Jüngste und ausgerechnet ein Mann ist der Chef im Haus. Ansonsten gibt es hier nur Frauen. Fünf betagte Damen mit schwerer oder minderschwerer Demenz, die hier gemeinsam in einer Wohnung am Forster Stadtpark leben. Und die Frauen von der Pflege, die Tag und Nacht da sind - um Äpfel zu schälen, Tee zu kochen oder Insulin zu spritzen.

Falk Endler könnte der Enkel von Christa Pohl sein. Er ist 38, sie ist 76. Er ist aber nicht verwandt mit ihr. Er ist der gesetzliche Vertreter von Christa Pohl. 43 Fälle hat der gerichtlich bestellte Betreuer insgesamt. "Wenn irgendetwas nicht in Ordnung ist, bin ich für sie da", sagt er.

Falk Endler arbeitet für den Lebenshilfe-Verein. Er ist der Vorsitzende der Forster Frauen-WG im Haus "Am Stadtrand". Die Angehörigen, die noch da sind, haben ihn gewählt. Seine Aufgabe: Vermitteln, wenn Dinge zu beschließen sind. Zum Beispiel, wenn die Küche repariert werden muss. Oder er moderiert Gespräche. Er spricht dann sehr laut und sehr deutlich, aber freundlich. "Das ist der Mann von der LAUSITZER RUNDSCHAU", sagt er. Halb sitzend, halb stehend lehnt er sich an einen Rollator, der hinter dem Tisch im Gemeinschaftsraum steht.

Christa Pohl muss schmunzeln. Ihre Augen bleiben aber geschlossen. Sie kann nicht mehr sehen, überhaupt nichts mehr. Auch nicht die antike Anrichte aus dunklem Holz hinter ihr. Was es ist? "So genau weiß ich das nicht", antwortet sie. "Diabetes bedingte Blindheit", ruft Renate Keitel aus der offenen Küche. Die Pflegehilfskraft von der Volkssolidarität schält gerade die Äpfel für das zweite Frühstück, Wasser für den Tee kocht.

Christa Pohl ist eine freudige Natur. Seit vier Jahren wohnt die gelernte Krankenschwester hier. "Ich kann nicht klagen, mir gefällt das schon hier, bis auf ein paar Kleinigkeiten." Das Warten auf den anderen zum Beispiel. Das kommt trotzdem vor, obwohl es drei Toiletten gibt, ein Bad mit Dusche und eins mit Wanne. Oder das Abstimmen. Seit Kurzem ist der Fernseher in der Ecke des Esszimmers kaputt, sodass jeder in sein Zimmer gehen muss, um seine Sendung schauen zu können. Jemand müsste einen neuen besorgen, Gebühren müssten auch bezahlt werden.

Wenn ein neues TV-Gerät gewünscht sei, könne das geregelt werden - schaltet sich Falk Endler ins Gespräch ein. Ansonsten schaut er der unterhaltsamen Tischgesellschaft mit Interesse zu: "So lustig wie heute war es schon lange nicht mehr." Im Hintergrund bleiben und nur moderieren, wenn nötig - so versteht er seine Aufgabe.

Lydia Bresdschack beißt in ein Stückchen Apfel. Die Sudetendeutsche ist 90 Jahre alt und wenn man so will: die Alterspräsidentin der WG. In Noßdorf war sie 23 Jahre lang Hortleiterin der Schule. Durch die Heirat war sie vom heutigen Tschechien 1949 nach Forst gekommen. Und wenn sie will, kann sie bis zum Lebensende hier bleiben. Lydia Bresdschack merkt man ihre Demenz kaum an. Sie hört zwar schwer, aber das Denken und Sprechen fällt ihr noch leicht. "Jeder hat ein Leben, vielleicht fällt meins ein bisschen aus dem Rahmen", sagt sie.

Seit fünf Jahren lebt sie hier und ist damit fast von Anfang an dabei, als die Volkssolidarität im Sommer 2008 den Altbaublock zu einem Pflege-Wohngemeinschaftshaus umbaute und seitdem auf vier Etagen vier Wohnungen vermietet. Bis zu fünf Senioren haben jeweils Platz, gemischt oder eben als reine Frauen-WG.

Diese Form des Wohnens im Alter ist noch relativ neu und hat seine Vorzüge, sagt die Cottbuser Sozialberaterin Antonia Wecke. Die meisten Menschen wollen eben möglichst lange in einer häuslichen Umgebung bleiben, selbstbestimmt leben. Die Nachfrage nach Pflege-Wohngemeinschaften sei da, sagt Wecke, und sie werde steigen. Das Konzept sei ja auch gut, zumindest in der Theorie. In der Praxis zeige sich dann aber häufig, dass nicht, wie vom Gesetzgeber gewollt, Angehörige in Eigeninitiative entsprechende WGs gründen und betreuen, sondern Wirtschaftsbetriebe. Schnell komme es so zu einer Monopolstellung, was sich auf die Preise für die Bewohner auswirken kann.

An den Türen der privaten Zimmer in Forst sind selbst gestaltete Schilder mit Namen und dem jeweiligen Foto der Bewohnerin angebracht. "Der private Bereich soll geschützt bleiben", sagt Betreuer Falk Endler. Zudem ist das Maß an Betreuung höher als im Heim, sagt der in Forst aufgewachsene Endler. "Die Schwestern kommen nach Bedarf, so, als wenn die Damen in einer eigenen Wohnung leben." Dann sei da ja noch der Aspekt des gegenseitigen Helfens und des gemeinsamen Lebens. Und was die Kosten angeht, sei das Leben in der WG günstiger als in einer eigenen Wohnung, dafür aber - je nach Einrichtung - teilweise teurer als im Heim. Der Festpreis liegt bei 800 Euro für Miete und einer Betreuungspauschale. Hinzu kommt der variable Pflegeteil, der sich nach der Pflegestufe richtet. Diese Kosten werden meistens durch die Kranken- und Sozialkassen getragen.

Bewohnerin Johanna Pusch (87) muss immer wieder unvermittelt aufstehen. Sie geht durch den Raum und hebt dabei ihre Füße wie bei einer gymnastischen Übung. "Ich bin durchein ander", sagt sie. Dann setzt sie sich wieder und verfolgt die Runde eher still. So wie Edeltraud Schrötter (75), die nichts dagegen hat, dass ihr die gerade eingetroffene Schwester Marion Insulin spritzt. Dann ist Mittagszeit. Ein Lieferdienst bringt Kassler, Soße, Sauerkraut und Kartoffeln. Gemeinsames Kochen ist selten geworden. Dafür sitzen und essen alle an einem Tisch.

Zum Thema:
Einen Anspruch auf 200 Euro monatlich haben Pflegebedürftige, die Pflegegeld und/oder Pflegesachleistungen beziehen und die mit anderen Pflegebedürftigen in einer gemeinsamen Wohnung leben, in der sie ambulant versorgt werden und in der eine Pflegekraft tätig ist. Voraussetzung ist, dass mindestens drei Pflegebedürftige zusammen wohnen, dass die WG den Zweck verfolgt, gemeinschaftlich eine pflegerische Versorgung zu organisieren und dass sie unabhängig darüber entscheiden kann, welche Pflege- und Betreuungsleistungen von wem erbracht werden. Darüber hinaus können Pflegebedürftige, die eine neue WG gründen, eine Anschubfinanzierung zur altersgerechten Umgestaltung der Wohnung erhalten. Jeder Pflegebedürftige, der sich an der Gründung beteiligt, kann bei seiner Pflegekasse einmalig eine Förderung von bis zu 2500 Euro beantragen. Die Gesamtförderung je WG ist auf 10 000 Euro begrenzt.