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| 01:07 Uhr

Forschung an Altlasten in Schwarze Pumpe

Schwarze Pumpe
Schwarze Pumpe FOTO: Foto: Vattenfall
Das Gelände des ehemaligen Gaskombinates Schwarze Pumpe ist seit einiger Zeit Schauplatz eines großen Freilandversuches. Wissenschaftler und Techniker entwickeln und erproben neue Methoden, um tausende Tonnen giftiger Schadstoffe aus dem Grundwasser unter dem Industriegelände zu entfernen. Sachsen und Brandenburg arbeiten bei der Beseitigung dieser besonderen Altlast eng zusammen. Von Simone Wendler

In den kommenden Wochen wird auf dem Gelände des Industrieparks Schwarze Pumpe eine kleine, aber wichtige Anlage in Probebetrieb gehen. Sie soll Schadstoffe, die zusammen mit verseuchtem Grundwasser nach oben gepumpt und abgeschieden werden, biologisch zerlegen. Wenn dabei, so wie geplant, zum Schluss nur noch Kohlendioxid und Wasser übrig bleibt, sollen alle etwa 15 Spezialbrunnen zur Hebung des belasteten Grundwassers damit ausgestattet werden. Das kündigt Werner Frenzel, zuständiger Dezernent beim Brandenburger Landesbergamt, an.

Chemikalien im Boden versickert
Die neue Anlage ist Teil einer seit 1997 laufenden Altlastsanierung der besonderen Art. Rückstände des Kokereibetriebes und der Gasproduktion in Schwarze Pumpe wurden zu DDR-Zeiten ohne ausreichende Sicherung auf dem Werksgelände abgekippt und sickerten ins Erdreich. Tausende Tonnen Phenol und Benzolverbindungen lagern deshalb in etwa fünfzehn Metern Tiefe im Grundwasser. Der Schwerpunkt des Chemikaliencocktails liegt auf sächsischem Gebiet, die Verschmutzung zieht sich jedoch hinüber bis nach Brandenburg.
Glücklicherweise verändert die Phenolblase bisher kaum ihre Lage. Auch in den nächsten Jahren wird sie aller Voraussicht nach das Firmengelände nicht verlassen. Doch mit dem Weiterwandern des Tagebaus Welzow und dem Grundwasseranstieg in der Region könnte sich das ändern. Deshalb arbeiten Sachsen und Brandenburg seit 1997 gemeinsam an der Beseitigung der gefährlichen Hinterlassenschaft. Ein länderübergreifender Projektbeirat klärt die Finanzierung, eine Fachgruppe die praktischen Fragen.
Auch die zuständigen Bergämter beider Länder arbeiten Hand in Hand. Die Durchführung der Grundwassersanierung liegt in den Händen der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungsgesellschaft (LMBV). Inzwischen wurden über mehr als ein Dutzend Spezialbrunnen in Schwarze Pumpe 2,5 Millionen Kubikmeter verschmutztes Grundwasser an die Erdoberfläche gepumpt und die Schadstoffe daraus abgetrennt. Die abgesonderten Chemikalien werden bisher zur Beseitigung in das Sekundärrohstoffverwertungszentrum (SVZ) Schwarze Pumpe geliefert. Diese Verwertung soll nun durch die neue Anlage zum biologischen Abbau der Chemikalien ersetzt werden. Bis 2005 sollen dann alle Brunnen zur Grundwasserreinigung mit diesen Anlagen ausgestattet werden.
Doch nicht nur mit Spezial-Brunnen wird der unterirdischen Gefahr zu Leibe gerückt. Der Schadstoffcocktail ist längst zum Forschungsobjekt geworden um neue Methoden zur Beseitigung solcher Hinterlassenschaften zu entwickeln. Dadurch sollen die Grundwasseraltlasten zielgerichteter und schneller entsorgt werden. Bisher werden mindestens zwanzig Jahre als notwendiger Zeitraum vermutet, um das Grundwasser unter dem Industriegelände Schwarze Pumpe zu reinigen.
Erprobt wurde bisher eine Auswaschung der Phenol und Benzolabfälle mit Propanol, einem Alkohol. Eine mobile Anlage dafür ist seit einem Jahr im sächsischen Teil des Industriegeländes im Einsatz. Vor zwei Wochen, so der zuständige Dezernent beim Landesbergamt, Werner Frenzel, gab es eine erste Auswertung der Testläufe.
Wissenschaftler und Techniker arbeiten derweil an weiteren Verfahren, um die Kokereihinterlassenschaft aus dem Grundwasser zu holen. Über Details wird dabei nicht öffentlich gesprochen, denn es geht bei diesen Entwicklungen auch um mögliche Patente. Die könnten sich, so der Abteilungsleiter Sanierungsbergbau beim Landesbergamt, Peter Kendziora, mit der EU-Osterweiterung bald in östlichen Nachbarländern bewähren: „Da gibt es sicherlich einen großen Bedarf.“
Noch in der Laborphase und vor der praktischen Erprobung vor Ort stehen weitere Verfahren zur Hebung der unterirdischen Schadstoffe. Dazu gehört der Einsatz von waschmittelähnlichen Substanzen und anderer Stoffe, die eine chemische Umsetzung der Altlasten bewirken sollen. Probearbeiten mit Tensiden sollen in Schwarze Pumpe frühestens Ende 2004 erfolgen.
In zwei bis drei Jahren, so schätzt Kendziora, wird es Entscheidungen geben, welche Technik wo auf dem ehemaligen Gaskombinatsgelände eingesetzt wird. Fest steht für ihn, es wird nicht nur eine Methode zum Einsatz kommen, sondern verschiedene, je nach Standort und je nach dort vorherrschendem Schadstoff. Ziel aller in der Entwicklung befindlichen Verfahren ist es, das Grundwasser in einem Kreislaufsystem zu säubern und nicht allzu weit entfernt wieder in das Grundwasser einzuleiten.

140 Millionen Euro Kosten vermutet
Die bisherigen Untersuchungen der Grundwasserverschmutzung unter dem ehemaligen Gaskombinat hätten, so Kendziora, inzwischen Anhaltspunkte dafür geliefert, dass wahrscheinlich etwas weniger als die anfangs vermuteten 8000 Tonnen Phenol und Benzolabfälle unter der Erde liegen. Genaue Angaben gibt es jedoch nicht, ebenso wenig über die Gesamtkosten und die Dauer der Arbeiten. Für die Boden- und Grundwassersanierung in Schwarze Pumpe rechnen Fachleute mit Kosten von insgesamt etwa 140 Millionen Euro.
Ähnliche Probleme wie in Schwarze Pumpe, wenn auch in wesentlich kleinerem Ausmaß und mit anderen geologischen Bedingungen gibt es in Lauchhammer. Dort liegen die Abfälle auch dichter unter der Erdoberfläche der ehemaligen Kokerei. Bis zum Jahresende, so kündigt Werner Frenzel vom Brandenburgischen Landesbergamt an, wird in Lauchhammer an zwei Stellen des ehemaligen Kokereigeländes umfangreicher Aushub von kontaminiertem Boden abgeschlossen sein. Das verseuchte Erdreich wird in einer neuen Deponie auf dem Werksgelände eingelagert und nach außen sicher verschlossen. „Das wird dann so eine Art Rodelberg“ , sagt Frenzel.
Für die Reinigung von verschmutztem Grundwasser sollen in Lauchhammer die Erkenntnisse aus Schwarze Pumpe genutzt werden. Eine Besonderheit werde es dort jedoch geben. Weil Grundwasser unter einem verschmutzten Gelände hindurchfließt, soll eine unterirdische Dichtwand gebaut werden, wie sie im Braunkohlebergbau eingesetzt wird, um eine Grundwasserabsenkung zu verhindern. Anders als eine Dichtwand im Bergbau soll die Wand in Lauchhammer jedoch eine Öffnung haben, wie Werner Frenzel erklärt: „Das Grundwasser fließt gegen die Wand und muss dann durch dieses Tor.“ Dort, so Frenzel, befinden sich dann Kohlefilter, die eventuell ausgewaschene Schadstoffe aufnehmen und festhalten.


Hintergrund Schwarze Pumpe
 Das Gelände des ehemaligen Gaskombinates ist drei Kilometer lang und etwa eineinhalb Kilometer breit. Zu DDR-Zeiten wurden hier 80 Prozent des Stadtgases für die gesamte Republik erzeugt, außerdem größere Mengen Koks.

Neben Nachlässigkeiten im Umgang mit Abfall führten auch einige schwere Havarien zu erheblichen Umweltbelastungen. Dazu gehören neben der Grundwasserverschmutzung die Teerseen von Terpe und Zerre, an deren Beseitigung ebenfalls gearbeitet wird.