Emmanuel Macron gilt als brillanter Kopf. Der Absolvent mehrerer Eliteuniversitäten jongliert täglich gekonnt mit Zahlen, doch seine jüngste Gleichung ist gewagt: "50 Milliarden Euro Einsparungen bei uns, und 50 Milliarden zusätzliche Investitionen bei Ihnen - das wäre ein gutes Gleichgewicht", sagte der 36-Jährige vor seinem Berlin-Besuch der "FAZ". Deutschland soll also tief in die Tasche greifen, um die Wirtschaft in Europa wieder anzukurbeln. In erster Linie natürlich die Wirtschaft Frankreichs, das mit einem schwachen Wachstum zu kämpfen hat.

Die Idee, die der CDU-Europapolitiker Herbert Reul als "unverfroren" bezeichnete, ist nicht neu. Doch von einem Wirtschaftsliberalen wie Macron, der mit Arbeitgeberpräsident Pierre Gattaz per du ist, wurde sie wohl nicht erwartet. Und der Jungstar der französischen Politik korrigierte auch hinterher, dass er ja nichts von der Bundesregierung gefordert habe. Ihm gehe es um Investitionen, die nicht unbedingt von der öffentlichen Hand kommen müssten, bemerkte der Sozialist bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem deutschen Kollegen Sigmar Gabriel (SPD), Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und dessen französischem Pendant Michel Sapin am Montag in Berlin.

"Frankreich ist krank"

Macron kann sich im Gegensatz zu seinem Vorgänger Arnaud Montebourg, der regelmäßig gegen die Bundesregierung keilte, forsche Vorschläge erlauben. Denn der studierte Philosoph analysiert gleichzeitig die Lage seines Landes so schonungslos ehrlich wie sonst kein Regierungsmitglied. "Frankreich ist krank und hat keine andere Wahl als sich zu reformieren", diagnostizierte Macron zu Beginn seiner Amtszeit. Und wo er die Reformen ansetzen will, signalisierte der Wirtschaftsminister auch schon: das Verbot der Sonntagsarbeit soll aufgeweicht, die Zulassung zu bestimmten Berufen wie Notaren und Apothekern erleichtert werden. Ein eigenes nach ihm benanntes Gesetz soll es dafür im Dezember geben.

58 Prozent Zustimmung

Doch der smarte Blonde, der mit seiner 20 Jahre älteren früheren Französisch-Lehrerin verheiratet ist, will noch mehr: Arbeitslosenversicherung und 35-Stunden-Woche sind für ihn kein Tabu mehr. Kein Wunder, dass der Wirtschaftsminister die neue Hassfigur der sozialistischen Parteilinken ist. Doch bei der Mehrheit der Franzosen kommt der frühere Wirtschaftsberater Hollandes gut an. 58 Prozent haben eine positive Meinung von der Arbeit des Neulings, der ohne Parlamentssitz ein wichtiges Ministerium leitet. Gaël Sliman vom Meinungsforschungsinstitut Odoxa warnt allerdings: "Er muss bald Ergebnisse aufweisen." Sechs Monate hat sich Macron selbst dafür gesetzt. Das ist eine kurze Frist, doch drei Viertel aller Franzosen bescheinigen ihm vor allem eine Eigenschaft: Dynamik.