Angela Merkel lächelte zuversichtlich. Nicht nur artig, fast siegessicher schüttelte die Gastgeberin des EU-Gipfels die Hände der eintreffenden Staats- und Regierungschefs. Und am Abend, als die Regierenden nach einem Arbeitsessen dem Dessert zuzusprechen begannen, schien sich die Ahnung der Bundeskanzlerin zu erfüllen: Alle wollten einen Kompromiss in der zuvor erbittert umkämpften Frage, wie der Klimawandel aufzuhalten sei. Es ging letztlich nur noch darum, wie elegante Formulierungen die tief greifenden Unterschiede überdeckt könnten. Eine Aufgabe, die sich als lösbar erweisen sollte.
Zunächst sah alles ziemlich düster aus. Auf der einen Seite eine Reihe von Staaten aus dem Osten der Union, die schon beim Ziel der Reduzierung des Kohlenstoffdioxid-Ausstoßes um 20 Prozent bis zum Jahr 2020 fürchteten, in ihrer künftigen wirtschaftlichen Entwicklung beeinträchtigt zu werden. Auf der anderen Seite jene, die die CO 2 -Emissionen lieber um 30 als um 20 Prozent verringern wollten. Vor allem aber in der Frage, ob sich die EU-Staaten auf einen Anteil von erneuerbaren Energien in Höhe von 20 Prozent am Energieverbrauch des Jahres 2020 verpflichten sollten, schieden sich die Geister.
Denn damit wurde die Atomenergie zum Streitpunkt. Frankreichs Präsident Jacques Chirac kam rasch zur Sache. Er wolle daran erinnern, dass Frankreich "dank seines Nuklearprogramms ein Drittel weniger CO 2 ausstößt als Deutschland", rechnete er vor. Und natürlich sei er für ein bindendes Ziel für erneuerbare Energien. Aber ebenso natürlich müsse man bei der Aufteilung der Anstrengungen, die jedes Land zu unternehmen habe, den Platz berücksichtigen, den die "gering kohlenstoffbasierten Energien" - also auch Atom - im nationalen Energiemix einnähmen.
Damit stand der Franzose nicht alleine. Denn die nationalen Unterschiede sind groß, die Interessen vielfältig: Der Riss ging nicht nur quer durch Europas Länder und Regionen, sondern auch durch die politischen Lager auf dem Kontinent. Österreichs Sozialdemokrat und Kanzler Alfred Gusenbauer warnte vor einem EU-Gütesiegel für die Atomenergie. Der neben ihm stehende bulgarische Sozialdemokrat Sergej Stanischew sagte lächelnd, das sehe er ganz anders: Atomenergie sei mangels CO 2 -Emissionen viel umweltfreundlicher als herkömmliche Energien.
So war Merkel schnell klar, dass angesichts des enormen innenpolitischen Drucks, der sich nicht nur in Berlin, sondern auch in diversen anderen Hauptstädten aufgebaut hatte, ein klassischer EU-Formelkompromiss geboten war. Ein klares Ja zu 20 Prozent Anteil erneuerbarer Energien in der EU - aber keine Festlegung darauf, dass jeder einzelne EU-Staat das erreichen muss. Über die Aufteilung der Lasten soll später geredet werden. Und tatsächlich. Mit diesem Kompromiss schafft es die EU erstmals, sich auf die Grundzüge einer gemeinsamen Klima- und Energiepolitik zu verständigen. Das, so finden Diplomaten, ist ein großer Erfolg - auch wenn ums Kleingedruckte noch ganz groß gestritten wird.