Mit den wackeligen Reality-Filmen verbringen die Iraker derzeit viel lieber ihre Abende als mit teuren Actionkrachern aus Hollywood. "Die Menschen sind neugierig", begründet der Videoverkäufer Abbas Othman das Interesse an der vergangenen Epoche. "Sie wollen die Wahrheit sehen, denn früher durften wir nicht darüber reden."
In der Hauptstadt Bagdad drängen sich einige Iraker vor einem Laden, der ein Video mit Folterszenen unter Saddam Husseins Halbbruder Watban el Tikriti vertreibt. In dem Film verprügeln el Tikritis Männer Verkehrspolizisten, die es gewagt hatten, den Konvoi des Präsidentenvertrauten an einer Sperre anzuhalten. "Wir können die Wirklichkeit des früheren Regimes sehen", sagt einer der Zuschauer, während er die Augen nicht vom Bildschirm ablässt.
Auch der Film "Sicherheitssektion Nummer 5", in dem Polizisten Gefangene brutal misshandeln, liegt ganz vorn in den DVD-Hitlisten der irakischen Hauptstadt. Der Verkaufsschlager "Fedajin" über das 1994 geschaffene paramilitärische Elitekorps zum Schutz von Staatschef Saddam Hussein ist gerade vergriffen. "Mir gefallen besonders die Videos über die Massengräber", gibt ein Iraker freimütig zu.
Wer leichtere Unterhaltung bevorzugt, findet Filme wie "Der Geburtstag von Hala" auf dem Markt. Das Video dokumentiert ein großes Fest zu Ehren einer der Töchter von Saddam Hussein. Unter dem Applaus der Familie schwingt darin Sadschida, eine der Frauen des gestürzten Regierungschefs, mit Hingabe ihre Hüften. Den Film "Das Fest von Udai" macht den Irakern ein Plakat mit einer Fotomontage schmackhaft. Das Poster bildet den ältesten Sohn von Saddam Hussein mit einer Zigarre im Mund ab, umringt von einer Unzahl von Frauen. Ein anderes Video, das unter dem Namen "Kussai und seine Huren" verkauft wird, zeigt Saddam Husseins jüngeren Sohn bei Sexorgien mit Prostituierten.
Aber was die irakischen DVD-Käufer wirklich anzieht, ist weniger die Dekadenz der früheren Präsidentenfamilie, sondern vielmehr die Gewalt ihrer Herrschaft. Dabei beobachten die Iraker lieber die entmachtete Führungsriege bei ihren Eskapaden als Superstars wie Arnold Schwarzenegger, Jean-Claude van Damme oder Sylvester Stallone bei ihren Heldentaten. Viele der Videos sind Kopien von Originalbändern, die aus den Palästen des Präsidenten-Clans und den Ministerien während der Plünderungen nach dem Fall Bagdads im vergangenen April gestohlen worden waren. Beliebt ist derzeit auch die Raubkopie über den Sprengstoffanschlag in der heiligen Schiitenstadt Nadschaf in der Nachkriegszeit. Bei dem Anschlag auf die Imam-Ali-Moschee waren Ende August der Schiitenführer Ayatollah Mohammed Bakr el Hakim und 82 weitere Menschen ums Leben gekommen.
Auf besondere Resonanz stoßen die Gewaltfilme bei den Irakern, die unter Saddam Hussein Angehörige verloren haben. "Mein Bruder wurde gefoltert und ist aus Irak geflohen, weil sie ihn töten wollten", erzählt Chaled Abdul Hussein. Der 30-Jährige gibt zu, dass er sich an dem Gewaltvideo von el Tikriti nicht satt sehen kann: "Wir wollen sehen, wie der Diktator Irak zerstört hat. Das konnten wir ja früher nicht anschauen."