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Flugsicherung startet Drohnen-App

Diese Drohne zieht ihre Bahnen in weiter Entfernung zu einem Flugzeug. Doch die Zahl gefährlicher Begegnungen nimmt zu.
Diese Drohne zieht ihre Bahnen in weiter Entfernung zu einem Flugzeug. Doch die Zahl gefährlicher Begegnungen nimmt zu. FOTO: dpa
Berlin. Private Drohnen können zur Gefahr für Flugzeuge werden. Mit einer App will die Deutsche Flugsicherung jetzt Hobbypiloten eine Orientierung geben. Bastian Benrath

Die Drohne sauste nur rund zehn Meter an der rechten Tragfläche vorbei, als der Pilot sie bemerkte. Der mit 114 Menschen besetzte Airbus A321 der Lufthansa war in Frankfurt gestartet und hatte an diesem Abend im August vergangenen Jahres zur Landung auf dem Flughafen München angesetzt, als es passierte. Er war noch in 1700 Metern Höhe, als er beinahe mit einem Quadrocopter zusammenstieß, einem Fluggerät mit vier Rotoren. Wäre die Drohne in eines der Triebwerke geraten, hätte das einen Brand auslösen können.

Zwischenfälle wie dieser, bei denen Drohnen zur Gefahr für den Luftverkehr werden, häufen sich. Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres verzeichnete die Deutsche Flugsicherung (DFS) 41 gefährliche Annäherungen von Drohnen an Flugzeuge. Das Jahr 2017 werde einen neuen Höchststand bringen, ist sich die DFS sicher. Denn der Drohnen-Boom hält an. Um die Zahl der Zwischenfälle zu verringern, hat die Flugsicherung nun eine Smartphone-App für Drohnenpiloten entwickelt. Für jeden Ort in Deutschland sagt diese auf Knopfdruck, ob Drohnen dort aufsteigen und wie hoch sie fliegen dürfen. DFS-Chef Klaus-Dieter Scheurle hat die kostenlose App am Mittwoch in Berlin vorgestellt. "Vielen ist nicht klar, dass sie mit ihren Drohnen zu einer ernsthaften Gefahr für den bemannten Luftverkehr werden können", sagte er. Dennoch wolle die DFS niemanden vom Drohnenfliegen abhalten: "Wir möchten die Drohnen nicht verhindern, sondern ihnen einen geordneten Weg in den deutschen Luftraum ebnen."

Häufig sind es Hobbypiloten, die aus Unkenntnis die gefährlichen Situationen verursachen. "Vater und Sohn, die mit ihrem neuen Copter auf ein Feld gehen und sagen: Jetzt schauen wir mal, was der so kann", sagt Christoph Bach, Vorsitzender des Bundesverbands Copter-Piloten (BVCP). Gesteuert von einem ungeübten Piloten, könne die Drohne dann auch in Höhen steigen, in denen sie dem Flugverkehr gefährlich werde. Zudem müssten Hersteller unbedarfte Drohnen-Käufer bislang weder über eine Versicherung noch über die Gesetzeslage aufklären, kritisiert Bach.

Die ist nämlich einigermaßen komplex. Nach der im April in Kraft getretenen neuen Drohnenverordnung des Bundesverkehrsministeriums gilt, dass jeder, dessen Drohne schwerer als 250 Gramm ist, an ihr eine Plakette mit dem Namen des Besitzers anbringen muss. Ist die Drohne schwerer als zwei Kilogramm, braucht der Pilot ab 1. Oktober zudem einen Kenntnisnachweis - einen "Drohnenführerschein". Den stellen Institutionen aus, die das Luftfahrt-Bundesamt dazu akkreditiert hat. Bis jetzt haben aber gerade mal drei Firmen deutschlandweit die Zulassung erhalten. Dort dürfte es also einiges Gedränge geben - oder die Hobbypiloten fliegen ab Oktober unerlaubt.

Höher als 100 Meter dürfen Drohnen generell nur mit Sondererlaubnis fliegen. An Flughäfen müssen die Piloten einen Abstand von 1,5 Kilometern zum Zaun einhalten. Verboten ist das Fliegen außerdem über Menschenansammlungen, Naturschutzgebieten, Einsatzorten von Polizei und Rettungskräften, Industrieanlagen, Autobahnen, Gefängnissen, militärischen Objekten, Behörden - und generell bebauten Gebieten. Es gibt also reichlich Orte, vor denen die Drohnen-App der DFS die Hobbypiloten warnen muss. "Wenn man auf der Karte rauszoomt, ist quasi ganz Deutschland rot", sagt DFS-Sprecher Christian Hoppe. Es gehe darum, dem Amateurpiloten zu zeigen, in welchen (kleinen) Bereichen Drohnenflug gefahrlos möglich sei.

Die App ist natürlich ein Angebot für "kooperative" Drohnenpiloten. Was aber ist mit "unkooperativen" Drohnen - etwa, wenn jemand seine Drohne losschickt, um ein Foto von einem anfliegenden Passagierjet zu schießen? Diese müssten für die Luftfahrt sichtbar gemacht und die Piloten zur Rechenschaft gezogen werden, fordert die DFS. Das ist aber gar nicht so einfach. Denn Drohnen sind in der Regel zu klein, um vom Radar erfasst zu werden.

Die Flugsicherung fordert deshalb, dass alle Drohnen einen Sender tragen müssen, der sie auf den Schirmen der Fluglotsen sichtbar macht. Außerdem müssten sie registriert werden. Sonst stochert die Polizei bei der Fahndung häufig im Nebel, wenn es zu einem Beinahe-Zusammenstoß wie in München kommt. Meist sind die Beamten auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen - Zeugen, die den Drohnenpiloten am Boden beobachtet haben.

Zusammen mit der Deutschen Telekom hat die DFS deshalb einen Sender mit einer Sim-Karte entwickelt, der an Drohnen befestigt werden kann. In einer Kleinserie wurde dieser bereits gebaut, derzeit läuft die Erprobung. Bis Anfang 2019 soll die Technologie marktreif sein. Einbauen werden sie - ehrliche -Drohnenpiloten auch dann aber wohl nur, wenn der Gesetzgeber eine Pflicht dazu dann auch gesetzlich vorschreibt. Immerhin: Auch der Drohnenpiloten-Verband BVCP unterstützt die Forderung nach einem Sender: "Wir glauben, das führt zu einem verantwortlicheren Fliegen."

Zum Thema:
Im deutschen Luftraum könnten schon in diesem Jahr eine Million Drohnen unterwegs sein. Die Deutsche Flugsicherung (DFS) schätzte die Zahl der zumeist privat genutzten, unbemannten Fluggeräte 2016 auf 400 000 in Deutschland. 2017 würden voraussichtlich weitere 600 000 dazukommen, sagte DFS-Chef Klaus-Dieter Scheurle. Damit steige auch die Zahl der Zwischenfälle, bei denen Hobbypiloten Flugzeugen gefährlich nahe kommen. Im ersten Halbjahr 2017 zählte die DFS bereits mehr als 40 Behinderungen des Luftverkehrs durch Drohnen - mehr als doppelt so viele wie im Vorjahreshalbjahr.