Den Einsatzkräften auf der Insel Lampedusa bietet sich ein Bild des Grauens. Im Hafen tragen Helfer Leichen davon, Dutzende weitere Tote liegen noch in 40 Metern Tiefe auf dem Meeresboden. "Es ist wie in einem Horrorfilm, da unten ist eine Masse von eingeklemmten Körpern, einer über dem anderen im Laderaum", sagte Taucher Rocco Canell, der als einer der Ersten zu dem gesunkenen Flüchtlingsboot vordrang. "Zwei von ihnen klammern sich an die Seite des Schiffes, sie sind mit ihm gesunken."

Mehr als 130 Menschen sind mit Sicherheit am Donnerstag bei einer der schlimmsten Flüchtlingstragödien der letzten Jahre in Italien ums Leben gekommen, es wird mit Dutzenden weiteren Opfern gerechnet. Auch am Tag danach herrschen auf Lampedusa Fassungslosigkeit und Trauer, viele Geschäfte bleiben geschlossen. Am Morgen erreicht eine Fähre mit Särgen für die zahlreichen Opfer die Insel.

"Es ist ein Horror"

Unmittelbar nach dem Unglück reihten sich im kleinen Hafen grüne, blaue und schwarze Leichensäcke aneinander. "Es ist ein Horror", sagte Bürgermeisterin Giusi Nicolini unter Tränen. "Sie bringen immer weitere Leichen." Der Arzt Pietro Bartolo erzählte: "In vielen Jahren der Arbeit hier habe ich noch nie etwas Vergleichbares gesehen." Er will helfen, kann jedoch kaum noch etwas tun. "Unglücklicherweise brauchen wir keine Krankenwagen mehr, sondern Särge."

Dutzende Tote, darunter auch Kinder, und Hunderte Vermisste - das ist die Bilanz der Katastrophe, die am Donnerstag Italien erschütterte. Es ist das zweite Drama innerhalb weniger Tage; bereits am Montag waren 13 Flüchtlinge vor der Küste Siziliens ertrunken, als sie versuchten, zum Ufer zu schwimmen.

Auch bei der jüngsten Tragödie spielen sich dramatische Szenen ab: Das 20 Meter lange Boot ist mit rund 500 Menschen völlig überfüllt. Kurz vor der Küste hat es einen Defekt und kann nicht weiterfahren. Um auf sich aufmerksam zu machen, entzünden die Flüchtlinge eine Decke. Doch das Feuer gerät außer Kontrolle. Auf dem Boot bricht Panik aus, es kentert. Hunderte Menschen stürzen ins Meer, viele der Migranten aus Eritrea und Somalia ertrinken. "Sie konnten nicht schwimmen, sie wussten nicht wohin", sagt Außenministerin Emma Bonino.

Flucht vor Armut und Gewalt

Der Bürgerkrieg in Syrien und Unruhen nach dem Arabischen Frühling treiben viele Menschen nach Europa. Tausende versuchen, der Armut und der Gewalt zu entfliehen, und riskieren ihr Leben für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Europa. Meist sind ihre Boote kaum seetüchtig und völlig überfüllt; immer wieder kommt es zu Katastrophen. In den vergangenen 25 Jahren starben Schätzungen zufolge rund 19 000 Flüchtlinge bei der Überfahrt.

Italien ist schockiert und sucht nach Antworten. Für Freitag wurde in ganz Italien Staatstrauer ausgerufen, Regierungschef Letta bezeichnete das Unglück als "ungeheure Katastrophe".

Einmal mehr fühlt sich das Land mit den Flüchtlingen an seinen Küsten alleingelassen und fordert Hilfe aus der EU. Staatspräsident Giorgio Napolitano machte sich für eine Überarbeitung der Gesetze stark. "Es kann nicht nur das italienische Engagement reichen, es braucht mindestens auch ein europäisches Engagement", sagte er Radio Vatikan. Innenminister Angelino Alfano, der selbst nach Lampedusa reiste, sagte: "Wir hoffen, dass die EU Notiz davon nimmt, dass es nicht nur ein italienisches, sondern ein europäisches Drama ist."