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| 17:37 Uhr

Flüchtlinge statt Erntehelfer

In vielen Orten in Deutschland werden derzeit die Unterkünfte für Flüchtlinge knapp. Der Oberspreewald-Lausitzkreis berät über ein ungewöhnliches Quartier-Angebot.
In vielen Orten in Deutschland werden derzeit die Unterkünfte für Flüchtlinge knapp. Der Oberspreewald-Lausitzkreis berät über ein ungewöhnliches Quartier-Angebot. FOTO: dpa
Vetschau. Geeignete Unterkünfte für Flüchtlinge werden zurzeit fast überall gesucht. Der Oberspreewald-Lausitzkreis hat jetzt ein ungewöhnliches Angebot auf dem Tisch. Ein Vetschauer Gemüsebauer bietet Wohnraum für 200 Menschen an. Simone Wendler

Dass die Sache nicht ganz unproblematisch werden könnte, zeigt die Anwesenheit zweier Polizisten, die Spreewaldbauer Karl-Heinz Ricken auf seinem Gemüsehof in Vetschau am Mittwochnachmittag besuchen. Sie wollen mit ihm über die Sicherheit auf seinem Gelände sprechen. Einen Tag vorher ist öffentlich bekannt geworden, dass Ricken dem Oberspreewald-Lausitzkreis die Unterbringung von 200 Asylbewerbern angeboten hat.

Am gestrigen Abend befasste sich der Kreisausschuss nicht öffentlich mit einer entsprechenden Beschlussvorlage. Am heutigen Freitag soll es einen Vororttermin auf dem Gemüsehof von Ricken geben. Noch sei aber kein Vertrag geschlossen, sagt Ricken.

Angefangen habe alles im Herbst, als in Cottbus eine Turnhalle Notunterkunft für Flüchtlinge wurde. Auch eine Trainingsstätte der Sportschule war kurz als Notquartier im Gespräch. Eltern von Schülern der Sportschule arbeiten auf dem Gemüsehof in Vetschau und erzählten in Vetschau davon. Ricken bot daraufhin der Stadt Cottbus einen Teil der Unterkünfte an, die er vor drei Jahren für Saisonarbeiter zur Erdbeer-, Spargel- und Gurkenernte errichten ließ. Die Stadt schickte ihn der kommunalen Zuständigkeit wegen zum Landkreis Ober-spreewald-Lausitz. Der prüft nun, ob er das Angebot von Ricken annimmt.

Der versichert, er handele aus sozialer Verantwortung als relativ großer Arbeitgeber in Vetschau. Über 50 Festangestellte und mehrere Hundert Saisonarbeiter sind für ihn tätig. Der Gemüsehof sponsert zwei Fußballvereine, darunter Blau-Weiß Vetschau. "Wir wollen, dass Turnhallen Turnhallen bleiben können", so Ricken.

Für rund 500 Saisonkräfte hat Ricken Quartiere in einer ehemaligen Garagenanlage bauen lassen. Je Wohneinheit 18 Quadratmeter, massive Wände, Toiletten und Duschcontainer vor der Tür. "Das ist spartanisch, aber Menschen, die dort wohnen haben wenigstens etwas Privatsphäre." Mit der großen Küche auf dem Hof sei auch die Essenversorgung gesichert. Ricken versichert, dass er auf die Vermietung nicht angewiesen sei: "Dann haben die Saisonkräfte mehr Platz." Doch er sei auch überzeugt, dass man Menschen in Not helfen müsse. Er, so Ricken, würde freiwillig nicht in so ein Schlauchboot steigen, um über das Mittelmeer zu kommen: "Das macht doch niemand ohne Not." Wer hier leben will, müsse sich aber auch integrieren.

Wenn es zur Anmietung der Quartiere durch den Kreis käme, hofft der Gemüsebauer, dass die Vetschauer die Bewohner genauso freundlich aufnehmen wie die 70 Flüchtlinge, die schon in Vetschau leben und in der Stadt kaum auffallen. Doch Ricken musste leider auch schon andere Erfahrungen machen.

2008 und 2009 starteten Rechtsextremisten mit Flugblättern, Parolen auf Verkaufsständen und Hetze im Internet eine Verleumdungskampagne gegen den gebürtigen Rheinländer. Ein Trupp Schläger griff bei einem Hoffest polnische Erntehelfer an. "Das muss ich nicht noch mal haben", erinnert sich Ricken.

Auf seinem Hof sei es schon immer international zugegangen, ohne dass es Probleme gegeben habe. Erntehelfer aus Polen waren die Ersten dort, dann kamen Rumänen, Ungarn und Bulgaren, darunter auch Moslems.

Wer ihm jetzt mit dem Quartierangebot für Flüchtlinge unterstellen will, dass er auf billige Arbeitskräfte spekuliere, der solle das glauben, winkt Ricken ab: "Die Zeiten billiger Erntehelfer sind längst vorbei." Im Gemüseanbau gebe es keinen "Goldstaub" zu verdienen, da sei alles hart erarbeitet.

Auf seinem Hof werde der Mindestlohn gezahlt, beziehungsweise nach einem Übergangsvertrag für bestimmte Kräfte 7,90 pro Stunde in diesem und 8,70 Euro im kommenden Jahr. Dazu kämen Leistungszuschläge. Wenn vielleicht in der nächsten Saison einige Flüchtlinge bei ihm arbeiten wollten, bekämen die keinen Cent weniger.

Wenige Stunden, nachdem die Polizisten Karl-Heinz Ricken zu einem Sicherheitsgespräch besuchten, trafen sich etwa 20 Anwohner der Straße, in der sich sein Gemüsehof befindet, in einer Pension. "Alle haben Angst, dass hier Flüchtlinge einziehen", nennt Inhaberin Mandy Reichelt den Grund dieses Treffens. Die Anwohner seien geschockt gewesen, als die Pläne am Mittwoch bekannt wurden.

Deshalb habe man zusammengesessen und einen Brief an den Landrat des Oberspreewald-Lausitzkreises und an die im Kreistag vertretenen Parteien geschickt. Befragt, worin die Sorgen der Anwohner bestünden, zählt Mandy Reichelt auf: "Dass geklaut wird, dass es Überfälle gibt, und dass sich Frauen nicht mehr im Dunkeln hinaustrauen." Nach den Ereignissen in Köln müsse man doch an so etwas denken. Wir warten jetzt erst mal ab", so Reichelt, "was wir auf unseren Brief für Antworten bekommen."