„Die Stasi hat entschieden, wer hierher kam,
mit wem er eine Zelle teilt, welchem
Arbeitskommando er zugeteilt wurde.“
 Susanne Hattig, Historikerin


Wohin sie kamen, erfuhren sie erst, als sie in Bautzen eintrafen. Es waren die ersten Gefangenen in dem 1906 erbauten Haus, in dem das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) 1956 die Herrschaft übernommen hatte. Die letzten Gefangenen gingen am 22. Dezember 1989 durch das schwere Eisentor in die Freiheit.
Besucher können sich heute hinter diesem Tor frei bewegen. Die Gänge zum Zellentrakt sind mit gelb-braunem Linoleum bezogen, die Wände und Gitter über einem Kunststoffsockel mit Holzmaserung gelb gestrichen. Stahltreppen, Gitterböden, einige Zellen sind mit altem Mobilar eingerichtet. Sie zeigen die Ausstattung als Untersuchungsknast des russischen Geheimdienstes nach 1945 und in den verschiedenen Phasen der DDR. Schmale Stelen vor einigen Hafträumen tragen Fotos und kurze Schilderungen einzelner Schicksale.
Offiziell wurde dem Innenministerium 1951 die Anstalt mit 200 Haftplätzen übertragen. Doch was als Außenstelle des nicht weit entfernten „Gelben Elends“ begann, wurde fünf Jahre später zum Spezialknast des MfS. Eine kleine Stahltür in der Hofwand war die direkte Verbindung von der benachbarten Stasi-Verwaltung in den Zellentrakt. „Die Stasi hat entschieden, wer hierher kam, mit wem er eine Zelle teilt, welchem Arbeitskommando er zugeteilt wurde“ , sagt Susanne Hattig. Die Historikerin ist in der Gedenkstätte für Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.
Anfangs waren die Haftbedingungen in Bautzen II schlechter als in anderen Gefängnissen, weil der Bau veraltet und heruntergekommen war. „Häftlinge von damals erinnern sich, dass im Winter das Wasser an den Zellenwänden gefror, weil nur eine halbe Stunde am Tag geheizt wurde“ , erzählt Susanne Hattig. Später war der technische Standard für DDR-Verhältnisse hoch, weil viele Ausländer in Bautzen II einsaßen.
Der Druck auf die Insassen, so die Historikerin, sei subtil gewesen. Ein Beispiel: Ständiger Schlafentzug, weil alle zwanzig Minuten nachts in die Zelle geschaut und dazu Licht angemacht wurde. Der ganze Tagesablauf war militärisch straff geregelt, vom Grüßen bis zur Stellung der Zahnbürste im Becher.
Neben politischen Gefangenen gab es auch Insassen mit kriminellen Delikten, die jedoch aus den Reihen der Partei oder der Staatsorgane kamen. Wenn Polizei- und MfS-Angehörige Verbrechen begingen, sollte das nicht bekannt werden. Bautzen II war für diese Verschleierung geeignet, weil es besonders abgeschirmt war. Gearbeitet wurde dort nur innerhalb der Anstalt ohne Außenkontakt.
Thomas Lukow war 21 Jahre alt, als er 1981 nach Bautzen kam. Der Potsdamer kam aus einem linientreuen Elternhaus, hatte sich jedoch als junger Erwachsener von der DDR abgewandt und versucht, in den Westen zu fliehen. Nach Bautzen wurde er verlegt, weil seine Eltern „Geheimnisträger“ waren. Mit seiner relativ kurzen Strafe von 18 Monaten wurde er dort eher belächelt. „Das kannst du ja in der Schleuse abstehen, so schnell bist du hier raus und im Westen“ , gibt Lukow wieder, wie er begrüßt wurde. Doch Lukow wurde nicht in den Westen verkauft. Er wurde in die DDR entlassen und kam erst im Herbst 1989 mit seiner Familie nach Westberlin.
„Das Alleinsein, das Grübeln, die Tür ohne Klinke“ , zählt er auf, woran er sich erinnert, wenn er an Bautzen denkt. „Ich habe auch viel verdrängt.“ 1999 war er zum ersten Mal nach dem Ende der DDR wieder dort. Seitdem sei es leichter für ihn, damit umzugehen. Er träume kaum noch davon.
Eine Hälfte des Gefängnishofes in Bautzen II wird durch Betonwände in schmale Gevierte getrennt. Hier durfte kurz ins Freie, wer in Einzelhaft saß, in einer beängstigend kleinen Zelle mit Milchglasfenster. Manfred Matthies verbrachte fünf Monate in dieser Isolation, weil er bei der Arbeit aufgemuckt hatte. „Da sehen sie dann schon Geister und fangen an, sich mit ihrem Schatten zu unterhalten“ , beschreibt er die Folgen der Zwangseinsamkeit. Die längste Einzelhaft eines Gefangenen in Bautzen dauerte neun Jahre.
Vier von dreizehn Jahren, zu denen Matthies verurteilt wurde, saß er in Bautzen, bis auch er freigekauft wurde. Er war selbst 1959 aus der DDR nach West-Berlin gekommen. Nach dem Mauerbau schloss er sich Fluchthelfern an. Etwa 250 Menschen brachten sie in zehn Jahren aus der DDR. „Ich wollte das einfach nicht hinnehmen, dass man Menschen so einmauern kann“ , beschreibt er seine Motive.
Geld verdient habe er damit nicht. Westverwandte der Fluchtwilligen mussten nur Kosten bezahlen, die wirklich entstanden: für gefälschte Papiere, Flugtickets, umgebaute Autos. Die letzte Fluchtwillige, die Matthies ausschleusen wollte, wurde bereits von der Staatssicherheit überwacht. Er wurde gefasst.
Nach seiner Entlassung hat Matthies fast vier Jahre und therapeutische Hilfe gebraucht, um die Folgen seiner Zeit in Bautzen II zu überwinden. „Ich hatte schwere Schlaf- und Konzentrationsstörungen, konnte nicht in Menschenansammlungen gehen“ , zählt er die Haftfolgen auf. U-Bahn fahren war lange genauso undenkbar für ihn, wie in ein Kaufhaus zu gehen. In schwacher Form treten die Symptome heute noch in Stress-Situationen bei ihm auf: „Man wird das nicht mehr wirklich los.“
Unter bis heute nicht genau geklärten Umständen kam in der Isolationshaft in Bautzen II Horst Garau zu Tode. Offiziell hieß es, der ehemalige Kreisschulrat von Calau habe sich im Juli 1988 das Leben genommen. Drei Jahre vorher war er mit einer lebenslangen Haftstrafe eingeliefert worden. Garau hatte in der Lausitz Karriere gemacht und durfte in den Westen reisen. Dabei diente er dem MfS als Kurier. Als er merkte, dass er selbst bespitzelt wurde, lief er zum westdeutschen Verfassungsschutz über. Dort verriet ihn ein Doppelagent.
Thomas Lukow, der nur 18 Monate in Bautzen II verbüßte, hält inzwischen in ganz Deutschland Vorträge über seine Haftzeit. Andere Menschen heute durch dieses Gefängnis oder die Stasi-Haftanstalt Berlin-Hohenschönhausen führen zu können, ist für ihn auch ein Stück Genugtuung. Als „Opfer“ will er jedoch nicht gesehen werden: „Ich war kein Opfer, ich war ein Verfolgter.“
Die Gedenkstätte Bautzen will in dem ehemaligen Gerichtsgefängnis an die Opfer aller drei Verfolgungsperioden erinnern: die Nazizeit, die Herrschaft des russischen Geheimdienstes NKWD nach 1945 und die Zeit als Spezialhaftanstalt der DDR. Eine Ausstellung zur NKWD-Zeit existiert bereits. Eine ähnliche Dokumentation über den Stasi-Knast wird am 8. September eröffnet. „In einigen Jahren werden wir die dritte Ausstellung über die Geschichte dieses Gefängnisses in der Nazizeit haben“ , kündigt Hattig an.
Das öffentliche Interesse an der Gedenkstätte steigt. 1995 kamen 5500 Besucher, im vorigen Jahr waren es mehr als 73 000. Mehr als hundert Führungen von Schulklassen durch die Gedenkstätte gab es im vorigen Jahr. Dazu kommen Schülerprojekte.
Die Erfahrungen damit seien gut, sagt Susanne Hattig: „Die Jugendlichen entwickeln schnell großes Interesse, wenn sie anfangen, sich mit der Geschichte der Haftanstalt zu beschäftigen.“ Um eine demokratische Haltung zu entwickeln, sei es gut, zu sehen, was undemokratisch war. Manche Schüler kämen ein paar Tage später noch mal in die Gedenkstätte - mit ihren Eltern. Für die Historikerin ist die Gedenkstättenarbeit auch wichtig, weil noch viele der in Bautzen II Inhaftierten am Leben sind: „Für die ist das alles noch lange nicht vorbei.“