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Flucht endet in Leipziger Plattenbau

Polizei und Spurensicherung im Einsatz vor dem Haus im Leipziger Stadtteil Paunsdorf, wo der Verdächtige gefasst wurde.
Polizei und Spurensicherung im Einsatz vor dem Haus im Leipziger Stadtteil Paunsdorf, wo der Verdächtige gefasst wurde. FOTO: dpa
Leipzig. Elitepolizisten ist er entwischt. Nach zwei Tagen endet die Flucht des mutmaßlichen Terroristen Dschaber al-Bakr in einem Leipziger Plattenbau. Diesmal ist er schon gefesselt, als Beamte ihn abholen. Josephine Heinze und Simona Block

Vom Schirm der Sicherheitsbehörden verschwunden, der Polizei entwischt: Nach zwei Tagen europaweiter Fahndung ist Dschaber al-Bakr, ein syrischer Flüchtling unter Terrorverdacht, gefasst. Zu verdanken ist das dem mehrsprachigen Aufruf der Polizei bei Facebook und Twitter und drei beherzten Landsleuten. "Der Tatverdächtige ist uns in gefesseltem Zustand übergeben worden", sagt der Präsident des sächsischen Landeskriminalamtes (LKA), Jörg Michaelis, am Montag in Dresden. Wenige Stunden zuvor haben Polizisten den 22-Jährigen, der ein Sprengstoffattentat vorbereitet haben soll, in einer Wohnung im Plattenbauviertel Leipzig-Paunsdorf abgeholt. Was war geschehen?

Kurz vor Mitternacht kommt ein Syrer in das Polizeirevier Südwest am anderen Ende der Stadt. Er zeigt ein Handyfoto von einem Mann in seiner Wohnung, den er und zwei andere Syrer als Dschaber al-Bakr erkannt haben. Die Beamten könnten ihn abholen, erklärt er. Polizisten fahren in das fast 20 Kilometer entfernte Haus in der Hartriegelstraße 14 und nehmen den Gesuchten in der vierten Etage fest - noch bevor das SEK eintrifft. Der Terrorverdächtige, dessen Festnahme in Chemnitz missglückte, leistet keinen Widerstand.

Dschaber al-Bakr wird in die Polizeidirektion Leipzig gebracht. Die Ermittler sind sicher: Er ist es. Wo sich der Syrer seit Freitag aufgehalten hat, können sie bisher nicht sagen. Auch zu den Umständen seiner Flucht aus dem Chemnitzer Neubaugebiet geben die Behörden keine Auskunft. Bis Freitag soll er sich dort noch in einer Wohnung aufgehalten haben. Als Spezialeinsatzkräfte sie am Samstag stürmen, ist sie leer. Die Ermittler sind nicht sicher, ob er der Mann war, der zuvor aus dem Haus gekommen und nach einem Warnschuss geflüchtet war.

Al-Bakr war im Februar 2015 über München nach Deutschland gekommen. Am Sonntag spricht am Hauptbahnhof in Leipzig einen Landsmann an und fragt, ob er bei ihm übernachten könne. Der Syrer nimmt den 22-Jährigen mit. Er weiß, wen er vor sich hat. Die Polizei hatte den Fahndungsaufruf am Samstag auch auf Englisch und Arabisch im Internet verbreitet. Nach Angaben von Nachbarn machen die Syrer aus der Wohnung in Nummer 14 einen Sprachkurs. Einer von ihnen wurde losgeschickt, um die Polizei von ihrem "Fang" zu informieren.

"Solche wie er müssen aus dem Verkehr gezogen werden", sagt ein Nachbar aus dem Erdgeschoss am Morgen danach. Der Mann, selbst Syrer, kannte die Bewohner aus der obersten Etage vom Sehen. Der Einsatz in der Nacht hat die Menschen im Plattenbauviertel aufgeschreckt, obwohl Polizei dort häufiger präsent ist. Der kreisende Helikopter um Mitternacht hat nicht nur einer älteren Dame den Schlaf geraubt. Sie wohnt im Block gegenüber. "Es ist eigentlich eine ruhige Wohngegend hier, Probleme gibt es meist nur mit Betrunkenen", erzählt sie.

Auch die Kinder des Syrers aus dem Erdgeschoss sind von dem Lärm aufgewacht. "Ich hab nachgeschaut, was los ist, und viel Polizei gesehen", berichtet der Asylbewerber. Es sei schlimm, wenn ein Flüchtling für die Terrormiliz "Islamischer Staat" Anschläge in Deutschland verüben wolle. Solche Leute seien verrückt. "Ich bin froh, dass wir hier sein dürfen, in Sicherheit", schiebt der Mittvierziger noch in gebrochenem Deutsch hinterher.

"Wir sind froh, dass nicht alle Ausländer gleich sind", sagt ein älteres Ehepaar im Vorbeigehen. Diese Syrer wären ein Gewinn für Deutschland, finden sie. Wie sie schauen Anwohner, die mit dem Hund unterwegs sind oder Müll entsorgen, über das rot-weiße Absperrband der Polizei. Zwei Männer im Nachbareingang beobachten vom Fenster aus, wie Ermittler ein- und ausgehen. An einem Fenster unter dem Dach von Hauseingang 14 hängt eine deutsche Fahne.

"Wir sind geschafft, aber überglücklich", feiert die Polizei in einem Tweet gut sechs Stunden nach Mitternacht die Festnahme des als gefährlich eingestuften al-Bakr. Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) lobt den "mutigen und verantwortungsbewussten syrischen Mitbürger", sein Innenminister Markus Ulbig (CDU) ist zurückhaltender. Die drei Syrer, die Dschaber al-Bakr den Ermittlern übergaben, gelten derzeit als Zeugen. Wie sie in Kontakt zu ihm kamen, wird laut LKA noch untersucht. Unklar ist auch, wie sie zueinander stehen.

Weitere Infos und Hintergründe: lr-online.de/

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Hauptzutaten können Nagellackentferner und Haarbleichmittel sein: Der Sprengstoff Triacetontriperoxid (TATP), der in Chemnitz gefunden wurde, lässt sich mit einfachen Mitteln herstellen und hat eine hohe Wucht. TATP, im Nahen Osten auch bekannt als "Mutter des Satans", wurde bei den Terroranschlägen in London 2005 und in Paris 2015 benutzt. Auch bei den mutmaßlichen Attentätern von Brüssel fanden ihn Ermittler dieses Jahr. Jetzt wurde die Substanz laut Landeskriminalamt in der Wohnung des Terrorverdächtigen von Chemnitz entdeckt. Sprengstoffe auf der Basis von Peroxid sind sogar für den Attentäter hochgefährlich. Ohne Fachwissen und Vorsichtsmaßnahmen kann das Mischen in einer tödlichen Explosion enden. Der fertige Sprengstoff kann zudem beim Umfüllen in ein Gefäß seinem Hersteller um die Ohren fliegen. Dann kommt der Transport: Sowohl Erschütterung als auch hohe Temperaturen oder Reibung können eine schwere Detonation auslösen. Deutsche Chemiker erkannten bereits Ende des 19. Jahrhunderts die Sprengkraft von TATP - ein Zufallsfund. Wegen der Risiken bei der Handhabung erlangte der Stoff aber jahrzehntelang keine nennenswerte Bedeutung als Waffe, obwohl er 80 Prozent der Zerstörungskraft von TNT besitzt und preisgünstig in der Herstellung ist. Der erste dokumentierte Einsatz ist ein Anschlag auf eine Studentengruppe im israelischen Hebron durch die Terrororganisation PLO 1980.