Ei n Armeezelt am Karl-Marx-Prospekt in der ost ukrainischen Stadt Dnjepropetrowsk ist für viele Kriegsflüchtlinge aus dem Donbass ein erster Ort der Hoffnung. An diesem nasskalten Wintertag qualmt es aus einem Schlot des grünen Zeltes. Drinnen drängen sich Frauen auf Bänken nahe den glühenden Feldöfen aus Metall.

Es ist ein sicherer Ort in der Industriemetropole rund 200 Kilometer von der Gegend entfernt, wo die Kämpfe immer heftiger toben. "Ich habe es nicht mehr ausgehalten. Wir hatten Angst. Das ständige Baff, Baff, Baff", sagt die 77 Jahre alte Seniorin Ljudmila. Sie ist seit November in Dnjepropetrowsk - schon das zweite Mal. Als in ihrem Wohnort Sewerodonezk das ukrainische Militär die Kontrolle übernommen hatte, war sie dorthin zurückgekehrt. Aber die Kämpfe enden nicht. "Helfen Sie, damit der Krieg endlich aufhört!", ruft eine ältere Frau, als in dem Zelt Vertreter vom UNHCR, dem Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, vorbeikommen.

Es sind vor allem Frauen, die hier auf Hilfe für ihre Familien hoffen. Ihre Männer, viele von ihnen Bergarbeiter, sind in der umkämpften Kohleregion Donbass geblieben. Viele kämpfen. Andere versuchen, den Familienbesitz zu schützen. Die Frauen erzählen, dass sie nur mit einer Tasche geflüchtet seien. Einige beklagen, die Hilfsgüter würden stets ungerecht verteilt. Niemand durchschaue die Regeln für die Vergabe, beschwert sich eine Mittdreißigerin.

Zu Besuch in dem engen Zelt ist der für humanitäre Hilfe in Krisenlagen zuständige EU-Kommissar Christos Stylianides. Er hört sich die Sorgen der verzweifelten Donbass-Flüchtlinge an. Stylianides überbringt Botschaften, die Mut machen sollen: "Ich bin hier, um die Solidarität der Europäischen Union für die Ukrainer zu zeigen", sagt er.

Eingeflogen ist er mit einer EU-Delegation. Auf dem Flughafen der Stadt will er später tonnenweise Hilfsgüter in Empfang nehmen: Decken, Schlafsäcke, Heizgeräte, Generatoren und Winterzelte. Das für die Medien mit der Landung von Flugzeugen groß aufgezogene Spektakel soll zeigen, dass die EU-Hilfe auf Touren kommt. "Wir alle sind heute Ukrainer", sagt der Grieche.

Es ist auch eine Antwort auf die russischen Hilfslieferungen, die seit August laufen. Das von der EU als Aggressor kritisierte Russland hat mittlerweile rund ein Dutzend Kolonnen mit jeweils Hunderten Lastwagen in die umkämpften Regionen Lugansk und Donezk geschickt. Jeweils mit 2000 Tonnen Hilfsgütern, darunter auch Nahrungsmittel, Wasser und Medikamente.

Eine Rentnerin erzählt: "Zu Hause ist alles zerstört. Ich hatte dort die schönsten 20 Jahre meines Lebens." Für die Zukunft sieht sie schwarz, hat keine Hoffnung auf eine Rückkehr, wie sie sagt. Die frühere Ingenieurin ist ins Zelt gekommen, weil heute Besuch aus der EU da ist. Mit ihrer Tochter und zwei Enkeln lebe sie jetzt in einer Ein-Zimmer-Wohnung - für 2000 Griwna (rund 100 Euro) Miete im Monat, viel Geld für eine Familie ohne Einkommen, sagt sie. Ihr Mann sei in Donezk geblieben. "Er ist Russe, ist aber für die Ukraine. Von Russland kommen doch die ganzen Panzer und Waffen, die russischen Soldaten, die bei uns alles in Schutt und Asche legen", sagt die Frau.

Seit einer Woche arbeitet der 49 Jahre alte Igor aus Donezk als Freiwilliger im UNHCR-Stützpunkt. Der Bauarbeiter erzählt, dass viele seiner Bekannten auf der Seite der prorussischen Separatisten kämpften. Aber er glaubt nicht an ihr Ziel eines von der Ukraine unabhängigen Staates. Es herrsche Gesetzlosigkeit und Gewalt in Donezk, Kämpfer aus der islamisch geprägten russischen Teilrepublik Tschetschenien hätten seine Wohnung in Beschlag genommen. "Solange Putin nicht aufhört, Panzer und Waffen zu schicken, wird es nicht aufhören", sagt Igor.

Die Politiker der Stadt berichten ihren Besuchern aus der EU von der schweren Lage. Es sei noch viel mehr Hilfe nötig, sagt der Vizechef der Gebietsverwaltung von Djnepropetrowsk, Gennadi Korban: "Die meisten sind Rentner und Kinder." 84 000 Flüchtlinge seien im Gebiet. Von ihnen hätten mehr als 60 000 Anspruch auf Renten und Hilfszahlungen.

In den Krankenhäusern der Stadt werden zudem viele verletzte Soldaten behandelt. "Die Regierung in Kiew lässt uns völlig allein. Sie kümmert sich nicht", sagt der Leiter des UNHCR-Stützpunkts Wladislaw Makarow. Seit dem vergangenen Sommer habe die Stelle 25 000 Menschen "erstversorgt". In den notdürftig hergerichteten Räumen lagern in Kisten und Regalen Kleiderspenden, Decken und Schuhe. Bewohner der Stadt schaffen heran, was sie entbehren können. Nötig sei aber ein zentrales Flüchtlingslager, sagt Makarow.

Die meisten Bedürftigen klagen über Geldprobleme. Eine Seniorin fragt hilflos, wie sie bei einer Rente von 1093 Griwna im Monat die 560 Griwna an Nebenkosten für Wasser und Heizung aufbringen soll. Auch die ukrainischen Beamten räumen ein, dass die als mobile Notunterkünfte aufgestellten "Merkel-Häuser" im Unterhalt zu teuer seien. Sie seien deshalb nicht beliebt. Trotzdem seien alle Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Deutschen überhaupt dankbar für die Hilfen, sagt Korban.