| 10:59 Uhr

Florida nach dem Hurrikan

Washington. Nach fünf Tagen ohne Strom findet Chelsea Jones, dass sie ihrem Ärger schon mal freien Lauf lassen kann. Im Kühlschrank vergammeln die Lebensmittel. Das faulige Wasser aus der Leitung müsste abgekocht werden, um es trinken zu können, solange die Klärwerke ausgefallen sind. Doch kochen kann sie nichts, weil ein Elektroherd ohne Elektrizität nun mal nicht funktioniert. Die brütende Hitze in der Wohnung ist kaum noch auszuhalten. Im Freien schlafen geht auch nicht, sie würde von Moskitos zerstochen. Am schlimmsten aber ist, dass Quinn leidet, ihr 17 Monate alter Sohn. Frank Herrmann

Chronisch krank, braucht er Medikamente und Spezialnahrung, was wiederum beides gekühlt werden muss. Chelsea Jones, 34, verheiratet mit Brandon, dem Verkäufer eines Supermarkts, sehnt den Moment herbei, in dem endlich einer dieser weißen Lastwagen mit Teleskopleiter die Rattlesnake Hammock Road herauffährt und die Einfahrt zum Golf View Manor, ihrer Siedlung, nimmt. Ein Fahrzeug von FPL, Florida Power & Light, des größten Energiekonzerns des Bundesstaats. Eine Weile lief noch das Notstromaggregat, nun aber ist das Benzin aufgebraucht. Um Benzin zu bekommen an einer der wenigen Tankstellen, die schon wieder offen sind, muss man sich für Stunden in eine Warteschlange einreihen, sechs Stunden lang, sagen die Nachbarn. An der Rattlesnake Hammock Road liegen umgeknickte Strommasten im Graben, Masten aus Holz, manche zersplittert, als hätte eine Axt sie zerlegt. Bislang ließ sich niemand von FPL dort blicken, nicht einmal, um den Schaden zu inspizieren. Bis zum 22. September hätten sämtliche Haushalte Floridas Elektrizität, lässt FPL in den Medien verkünden, es sei denn, man lebe in einem besonders hart getroffenen Gebiet. "Ein besonders hart getroffenes Gebiet, das werden wir dann wohl sein", sagt Chelsea Jones in einer Mischung aus Sarkasmus und Resignation. Warum nichts geschah, seit der Hurrikan Irma über die Stadt Naples hinwegfegte, sie glaubt die Gründe zu kennen. "Die reichen Viertel haben Strom, die Reichen kommen wie immer als Erste dran. Wir dagegen sind einfach Luft."

Golf View Manor, hinter dem klingenden Namen verbergen sich vier schäbige Mietshäuser, jedes zwei Stockwerke hoch und ockerbraun angestrichen. Deren Bewohner schwitzen am Donnerstag in Flip-Flops am Straßenrand, um auf einen Konvoi zu warten, schwere Geländewagen, Motorräder mit rot-blau blinkenden Warnleuchten als Eskorte. Donald Trump ist nach Naples gekommen, um sich als Katastrophenmanager zu inszenieren. Auf der anderen Seite der Rattlesnake Hammock Road, in einem Trailerpark namens Naples Estates, verteilt er Sandwiches, Bananen und tröstende Worte. Irma, sagt er, den Superlativ bemühend, wie es oft seine Art ist, sei der Windstärke nach der heftigste Wirbelsturm von allen gewesen. Für die Karibikinsel Sint Maarten/Saint Martin mag das stimmen, aber gewiss nicht für Naples. Egal, in Naples ist Trump wirklich zu Leuten gefahren, die der Hurrikan am härtesten getroffen hat. Nicht ins mondäne Stadtzentrum, wo die Böen zwischen Edelitalienern und Sushi-Restaurants Palmwedel auf die Bürgersteige geschleudert und hier und da eine Schaufensterscheibe eingedrückt haben. Kaum ein Gebäude dort ist ernsthaft beschädigt, während die Baracken der Naples Estates an die Trümmerwüste nach einem Flugzeugabsturz denken lassen. Nicht die Wucht des Sturms war das Problem, lässt sich an Floridas Golfküste beobachten, sondern die Bauweise der Häuser, die dem Sturm nicht gewachsen waren.

An der Buttonwood Lane, bei Ted Leach, geht der Blick von der angeschimmelten Couch im Wohnzimmer durch ein drei Meter breites Loch im Dach in den Himmel. Die Blechbedeckung des Carports hat sich, gut hundert Meter entfernt, in einem Maschendrahtzaun verhakt, weggeweht, als wäre es ein Stück Pappe. Leach, ein Pfarrer aus Ohio, wohnt jetzt bei seinem Sohn. Des Sohnes und seiner Familie wegen ist er mit Caroline, seiner Frau, im Januar überhaupt erst nach Naples gezogen. Caroline leidet an Krebs, nach acht Monaten Chemotherapie wollte sie näher bei ihren Enkeln sein. 15 000 Dollar hat das Ehepaar für seine vier Wände bezahlt, de facto ein Wohnwagen, dem die Räder fehlen. Irgendwann sollen Experten anrücken, um den Schaden zu schätzen. Vielleicht schickt die Katastrophenschutzbehörde Fema irgendwann einen Scheck. Ted Leach erwartet nicht viel, er poltert nicht, er ist die personifizierte Geduld. Würde ihm die Fema eine Plastikplane spendieren, damit er das Loch im Dach abdecken kann, wäre er für den Anfang schon froh. Das Einzige, was er bisher erhielt, ist ein gelber Zettel: Es sei ungefährlich, das Haus zu betreten, jedoch nicht empfehlenswert, dort zu leben. "Wären wir mal lieber in Ohio geblieben", sagt Leach. "Ich würde sofort wegziehen", sagt Chelsea Jones. "Aber woanders zu wohnen können wir uns nicht leisten."

Auf Marco Island, einer Insel vor Naples, früher ein Sumpf, heute ein Refugium für Rentner mit Geld, spricht Doug Ross von dem Preis, der eben manchmal zu zahlen sei, wenn man im Paradies leben wolle. "Die Fischgründe hier, einfach großartig", schwärmt der 69-Jährige. Früher beim Telekommunikationsriesen AT & T beschäftigt, ist er nach der Pensionierung aus dem winterkalten Michigan in den Süden gezogen. An die Stürme Floridas, sagt er, müsse man sich einfach gewöhnen, "im Norden haben wir dafür Blizzards und eisigen Wind". Der Rest sei finanzielles Kalkül, kombiniert mit Vorsorge. Doug Ross hat für sein Vier-Zimmer-Domizil so gut wie jede Versicherung abgeschlossen, die man im Schadensfall gebrauchen kann, auch für den Fall einer Überschwemmung. Das kostet ihn ungefähr 12 000 Dollar im Jahr. Weil Florida keine eigene Einkommenssteuer verlange, laufe es für ihn auf ein Nullsummenspiel hinaus. Ross‘ Immobilie hat einen Bootssteg, zwei Garagen und "bis auf ein paar Kratzer und abgebrochene Äste" nichts abbekommen. Hinten grenzt sie an einen Kanal, so wie fast jede Adresse auf Marco Island vorn an einer Straße und hinten an einem schnurgeraden Kanal liegt. Über fünfzig Jahre ist es her, dass die Millionärsbrüder Robert, Elliott und Frank Mackle die Mangrovensümpfe trockenzulegen begannen, ein Kanalnetz anlegten und das Neuland in Parzellen aufteilten. Heute zählt Marco Island im Winter rund 40 000 Bewohner, während es im Sommer etwa 17 000 sind. Menschen, die es geschafft haben. Und die unter sich bleiben wollen.

Chelsea Jones, Ted Leach, Doug Ross: Was sie bei allen Kontrasten miteinander verbindet, ist eine ausgeprägte Abneigung, über das Phänomen Klimawandel zu sprechen. "Climate Change", an der Golfküste Floridas klingt es fast wie ein Schimpfwort, als hätten sich weltfremde Spinner in den Thinktanks von Washington oder New York Szenarien ausgedacht, um die Leute zu ärgern, Trump-Wähler wie sie. Dabei hat "Conservancy of Southwest Florida", eine in Naples ansässige Gesellschaft, die sich gegen die fortschreitende Nutzung des Marschlands durch Bauunternehmer wendet, erst vor wenigen Monaten gemeinsam mit der kalifornischen Universität Santa Cruz einen Atlas der Flutschäden-Risiken erstellt. Heraus kam, dass es aus staatlicher Sicht sinnvoll wäre, Hauseigentümern an den Küsten Anreize zum Verkauf zu bieten, mit dem Ziel, deren Immobilien später abzureißen. Zwischen 1978 und 2011 hätten 15 000 Hauseigentümer in Florida nach Sturmfluten rund vierzigtausend Schadensfälle geltend gemacht. Auch deshalb stecke das "National Flood Insurance Program", eine staatliche Versicherung, die pro Wohnung bis zu 350 000 Dollar auszahlt, mit 23 Milliarden Dollar in den roten Zahlen. Ein vom Fiskus geförderter Rückbau im Küstenstreifen käme unterm Strich billiger, rechneten die Verfasser der Studie vor. Doug Ross sieht das anders. "Wer ein Haus auf Marco Island kaufen möchte, soll das jetzt tun", sagt er. Der einer oder andere werde nach Irma wohl kalte Füße bekommen und sein Anwesen auf den Markt bringen. "Eine goldene Gelegenheit", glaubt Ross, "das kommt so bald nicht wieder".