Christoph Gerstgraser hat die Spree befreit. Der Diplomingenieur mit dem angenehmen Salzburger Dialekt ist stolz auf das, was er in den zurückliegenden fünf Jahren südlich des Dörfchens Dissen (Spree-Neiße) geschaffen hat. Er hat als Chefplaner den einst eingedeichten, geradlinigen Strom herausgeholt aus seinem beengten Bett und eine Naturlandschaft geschaffen, in der sich inzwischen wieder zahlreiche Tierarten wohlfühlen.

Insgesamt wurden zwischen Döbbrick und Schmogrow etwa 400 Hektar Fläche und elf Kilometer Flusslauf naturnah gestaltet. Das Geld für das 30-Millionen-Euro-Projekt gab das Energieunternehmen Vattenfall. Ausschlaggebend dabei war aber nicht die Naturverbundenheit der schwedischen Stromerzeuger. Die Renaturierung der Spreeaue ist der von Behörden und Naturschützern geforderte Ausgleich für ein Biotop in der Nähe der Fischerstadt Peitz. Dort waren zum Anfang der 2000er-Jahre die Lakomaer Teiche im Tagebau Cottbus-Nord verschwunden. Das Teichgebiet war davor Heimat für zum Teil seltene Amphibien und Insekten. "Wir haben zwischen 2007 und 2010 beispielsweise mehr als 75 000 Rotbauchunken und weitere 105 000 andere Amphibien aus dem Gebiet der Lakomaer Teiche umgesetzt. Davon kamen 150 000 Tiere in die acht neu geschaffenen Teiche in der Spreeaue", erzählt Christoph Gerstgraser.

Wo die Nachfahren der Tiere heute leben, gab es bis dahin ausschließlich intensiv genutzte landwirtschaftliche Flächen. Die großen Landwirtschaftsbetriebe der Umgebung waren auf die Erträge angewiesen. Die Spree musste weichen. "Gelebt hat hier nicht viel", erzählt Christoph Gerstgraser. Mit schwerer Technik haben er und viele Firmen aus der Region der Natur wieder zu ihrem Recht verholfen.

Eigentlich sollte das Projekt bereits ein Jahr früher fertiggestellt sein. "Da haben uns aber die Hochwässer der vergangenen Jahre ein paar Mal einen Strich durch die Rechnung gemacht", erklärt Ingolf Arnold die Verzögerung. Arnold ist Leiter Geotechnik bei Vattenfall. Als Verantwortlicher dort hat er die Wiederbelebung der Spreeaue überwacht. Von Ärger über die Verzögerung ist bei Ingolf Arnold nichts zu spüren. "Im Gegenteil: Wir haben durch das Hochwasser jedes Mal eine Menge dazugelernt, " erzählt er. Das Wasser habe sich stets seinen Weg gesucht und habe auf seine unmissverständliche Weise auch einige ursprüngliche Pläne zur Bepflanzung für unsinnig "erklärt".

Mit der Befreiung der Spree in diesem Abschnitt ist aber weit mehr erreicht worden als ein Ausgleich für die verschwundenen Lakomaer Teiche. Die neu gestaltete Spreeaue ist nämlich gleichzeitig auch ein aktiver Beitrag zum Hochwasserschutz für den Spreewald. Einem Schwamm gleich, ist das riesige, von vielen Fließen durchzogene Terrain in der Lage, gewaltige Wassermassen aufzusaugen. Auf diese Weise funktioniert die Fläche als natürliche Hochwasser-Flutungsfläche.

Die künftige Bewirtschaftung des neu geschaffenen Naturraums sollen insgesamt 76 Aueroxen, Wasserbüffel und Wildpferde übernehmen, die ein Landwirt aus dem Cottbuser Stadtteil Sielow eigens angeschafft hat. Ohne vorsichtige ökologische Pflege würde die Auenlandschaft sehr schnell ihren Charakter verlieren und von Bäumen überwuchert.

Kritik an der Renaturierung kam am Freitag von Brandenburger Naturschützern. Die Umweltgruppe der Grünen Liga in Cottbus kritisierte, dass der Ausgleich für die Lakomaer Teiche nicht ausreichend sei. Außerdem sei es nicht gelungen, alle seltenen Tierarten aus Lakoma wieder anzusiedeln. Dabei ist die Rede vom seltenen Eremiten-Käfer (lateinisch Osmoderma eremita).

"Inwieweit das tatsächlich so ist, kann jetzt niemand mit Bestimmtheit sagen", beschreibt Wolfgang Genehr die Situation. Genehr begleitet das Spreeauen-Projekt als zuständiger Abteilungsleiter im Brandenburger Landesumweltamt. "Das Vorhaben ist jetzt baulich nahezu abgeschlossen. Jetzt muss ein über mehrere Jahre laufendes regelmäßiges Monitoring zeigen, welche Pflanzen- und vor allem Tierarten die Spreeaue dauerhaft bevölkern", erklärt der Experte die Vorgehensweise. Und weil das Biotop um die Lakomaer Teiche einst ein durch europäisches Recht besonders geschüzter Naturraum war, soll auch die Spreeaue diesen Status wieder erhalten. "Wir wollen das Gebiet im kommenden Jahr bei der Europäischen Union als sogenanntes FFH-Gebiet anmelden", kündigt Wolfgang Genehr gegenüber der RUNDSCHAU an.

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Am nächsten Sonnabend, 21. September, soll am Rand der neu gestalteten Spreeaue gefeiert werden. Auf einem speziell vorbereiteten Areal findet dann der diesjährige "Superkokot" statt. Dabei wird mit einem spektakulären Hahnrupfen der Spreewälder Erntekönig des Jahres 2013 gekürt. Darauf freut sich vor allem der Bürgermeister von Dissen-Striesow Fred Kaiser. Das Fest beginnt bereits um 11 Uhr mit der Flutung eines alten Spree-Armes, die den symbolischen Abschluss der Renaturierung darstellt.Zu erreichen ist das Festgelände von Dissen aus über den Spreeweg (etwa zwei Kilometer) in Richtung Maiberg.