Mitten in der Wahlperiode tauscht die Berliner SPD ihre Führungsfigur aus. Ein deutlicher Fingerzeig darauf, dass die alte Fußballweisheit "Never change a winnig team" für die Hauptstadt-Genossen mit Blick auf die nächste Abgeordnetenhauswahl 2016 nicht mehr galt. Damit endet am 11. Dezember die Ära Klaus Wowereit. Der Regierende Bürgermeister tritt nach dreizehneinhalb Jahren zurück. Zum neuen Chef der rot-schwarzen Koalition soll sein früherer Kronprinz, Stadtentwicklungssenator Michael Müller, gewählt werden.

Müller hat schon einmal Wowereit beerbt - im Juni 2001 übernahm er von ihm den SPD-Fraktionsvorsitz. Der Senator tritt kein einfaches Erbe an. Länger als Wowereit hatte nur dessen Vorgänger Eberhard Diepgen (CDU) die Stadt regiert.

Im neuen Jahrtausend entwickelte sich die Hauptstadt unter Wowereits Führung zu einer Me-tropole, die junge Leute, Kreative und Unternehmen aus aller Welt anzog. Mit seinem Bekenntnis zu seinem Schwulsein und seiner offenen Art schaffte es Wowereit auf viele Titelseiten und in Talkshows. Der Tourismus boomt, die Wirtschaft ist wieder angesprungen, die Schuldenaufnahme wurde gestoppt. Berlin ist eine der angesagtesten Kulturmetropolen. Bei einer von Künstlern organisierten Abschieds-Gala - seit 2006 war Wowereit auch Kultursenator - bezeichneten sie ihn als "Berlins Wunderbär".

Ausgerechnet sein Prestigeprojekt hat Wowereit das politische Genick gebrochen. Die unendliche Geschichte des von Planungs- und Baufehlern bisher verhinderten Hauptstadtflughafens ließ Wowereits Stern rapide sinken. Als Aufsichtsratsvorsitzendem wurde ihm eine erhebliche Mitschuld an der Misere angelastet. Sein Popularitätsschwund zog auch die Berliner SPD in den Umfragen runter.

Müller soll es nun richten. Nach drei Wahlsiegen unter Wowereit soll der bundesweit unbekannte Politiker der SPD zum vierten Erfolg verhelfen. Der 50-Jährige - zwei Tage vor seiner Wahl ist Müller 50 Jahre alt geworden - will Wowereit nicht kopieren. "Das geht gar nicht - und ich habe meinen eigenen Stil", betont er. Müller setzt deshalb weniger auf den Glamourfaktor, sondern auf Verlässlichkeit und Zuhören. Ihm gehe es um einen "neuen Stil der Politik, der von Ernsthaftigkeit, Sachlichkeit und Dialog geprägt" sei, sagte er.

Das kann bei seinen Berliner wie bundesweiten Verhandlungspartnern gut ankommen, die Wowereit auch eine gewisse Schnoddrigkeit vorhielten. Gleich nach seiner Vereidigung am heutigen Donnerstag wartet auf Müller ein dicker Brocken. Die Ministerpräsidenten der Länder verhandeln mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über die Neuordnung des Länderfinanzausgleichs. Das trotz erster Tilgung immer noch mit rund 62 Milliarden Euro verschuldete Berlin ist auf weitere Finanzspritzen dringend angewiesen.

Am Freitag tagt der Aufsichtsrat des Flughafens. Müller wurde bereits am Dienstag als neuer Vertreter Berlins in das Kontrollgremium des von Pannen geprägten Projektes gewählt. Wer künftig den Vorsitz übernimmt, ist offen. Dennoch ist auch Müllers Name künftig mit Erfolg oder Misserfolg des größten Infrastrukturprojekts in Ostdeutschland verbunden. Zwei neue Senatoren - für Finanzen und für Stadtentwicklung - müssen sich einarbeiten.

Und der Koalitionspartner CDU ist verschnupft. Müller hatte Innensenator und CDU-Chef Frank Henkel vorgeworfen, in seinem Verantwortungsbereich zu wenig zu tun. Auch die Union schielt bereits auf den Wahltermin 2016. Dort kämpfen dann Müller und voraussichtlich Henkel um die Führungsmacht - keine gute Voraussetzung für eine gedeihliche Koalitionsarbeit.