Die Jahrhundertflut hat ihm und seiner Familie innerhalb weniger Stunden alles genommen, was sie in 33 Berufsjahren aufgebaut hatten. Mit rund einer halben Million Euro hat der Innungsobermeister einen der größten Einzel-Flutschäden im Handwerk Sachsen-Anhalts erlitten. "Plötzlich war alles weg, das Geschäft, die Maschinen, Ware, Verkaufswagen, Papiere. Wasser und Schlamm waren überall", schildert der 55-Jährige die Tage um den 14. August.
Riesige Mengen Fleisch und Wurst waren durch die Überschwemmung dahin und mussten entsorgt werden. Das Wasser stand mannshoch in dem Haus, in dem er geboren wurde. Das rund 3500 Einwohner zählende Jeßnitz war in Sachsen-Anhalt einer der ersten Orte, die mit dem Bruch der Dämme an der Mulde von gigantischen Wassermassen überschwemmt und zeitweise von der Außenwelt völlig abgeschlossen waren. Die in reizvoller Auenlandschaft beschaulich gelegene und vom großen Laubwald des Salegaster Forstes umgebene Kommune glich einer Geisterstadt. "Man hörte nur noch das Plätschern von Wasser, sonst nichts", erinnert sich der Handwerksmeister.

Familie gab ihm Kraft
Vor allem seine Ehefrau und seine Tochter hätten ihm in den schwersten Stunden die Kraft gegeben, um weiter durchzuhalten. Trotz tiefster Verzweiflung habe er dann doch nicht aufgegeben. Außerdem habe er wie andere der tausenden Flutopfer erfahren, wie groß die Hilfsbereitschaft unter der Bevölkerung war, um Menschen in Not nicht allein zu lassen. "50 Helfer hatte ich bestimmt", sagt der Fleischermeister.
In der Chemieregion Bitterfeld, die in Sachsen-Anhalt neben Dessau, Wittenberg und dem Landkreis Anhalt-Zerbst, zu den am schlimmsten von der Flutkatastrophe geschädigten Gegenden zählte, waren pausenlos tausende Helfer im Kampf gegen die Wassermassen. "Ich bin in diesen Tagen auf einen Schlag zehn Jahre gealtert", sagt der berufserfahrene Handwerksmeister, dessen Geschäft mehrere Wochen geschlossen war. Die Sorge um seine Mitarbeiter, die Welle der Solidarität und die Verpflichtung gegenüber seiner Familie habe ihn dazu bewegt, noch mal anzufangen.
"33 Geschäftsjahre, die schmeißt man doch nicht von heute auf morgen weg. Es muss weitergehen", sagt er und blickt nach vorn. Stück für Stück sei das Geschäft wieder angelaufen. Obwohl die Verluste durch die Flut so immens sind, sagt er: "Ich habe keinen meiner Leute entlassen". Manch einer sei schon über 20 Jahre bei ihm beschäftigt. Er habe ihnen nicht zumuten wollen, sich beim Arbeitsamt anzustellen.

Bauch-Entscheidungen
"Das habe ich nicht übers Herz gebracht. Es geht nicht immer nur nach dem Verstand, bei uns hier werden noch Sachen aus dem Bauch heraus und mit dem Herzen entschieden, auch wenn die Zahlen nicht stimmen", betont der Handwerksmeister, dessen Angestellte ebenso durch die Flut Schicksalsschläge verkraften mussten. Zudem hat die Region Bitterfeld ebenso wie andere ostdeutsche Industrieregionen seit der Wende mit hoher Arbeitslosigkeit um 20 Prozent zu kämpfen.