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Flammeninferno auf der A9

Münchberg. Stunden nach dem verheerenden Busunglück ist die Szenerie auf der Autobahn 9 im Norden Bayerns nahezu sachlich-nüchtern. Die Feuerwehrleute halten eine Lagebesprechung ab, die Polizei organisiert die Spurensicherung. Joachim Dankbar

Die ganze Tragik des Ereignisses wird erst deutlich, als ein Leichenwagen nach dem anderen vorfährt und vor einem komplett ausgebrannten Gerippe hält, das einmal ein Reisebus war. 18 Menschen fanden zwischen Münchberg und Gefrees in Oberfranken auf grausame Weise den Tod. Sie verbrannten.

Es ist kurz nach 7 Uhr, als der Notruf bei der Feuerwehr eingeht: Ein Reisebus und ein Lastwagenanhänger stehen auf der Autobahn in Flammen. Der Bus, in dem unter anderem eine Reisegruppe mit Senioren aus Sachsen und Brandenburg sitzt, war aus noch ungeklärter Ursache auf den Anhänger aufgefahren. 30 Menschen können sich ins Freie retten. Mit teils schweren Verletzungen werden sie später in Krankenhäuser gebracht. Für die anderen - insgesamt saßen 46 Reisende und zwei Fahrer im Bus - kommt jede Hilfe zu spät. "Als wir eingetroffen sind, kam niemand mehr aus dem Bus", sagt Andreas Hentschel von der Feuerwehr Münchberg. Die Todesopfer waren zwischen 55 und 81 Jahre alt - auch einer der beiden Busfahrer ist unter ihnen.

Schon einige Stunden nach dem Unglück schließen Polizei und Feuerwehr aus, dass sich noch weitere Reisende gerettet haben könnten - etwa auf das Gelände neben der Autobahn. Dort seien Wildschutzzäune angebracht, die konnte niemand so leicht überklettern. So zerschlägt sich auch diese vage Hoffnung.

Viele der Fahrgäste kamen aus der Oberlausitz und dem Großraum Dresden. Ihre Fahrt in den Süden endete im Tod oder im Krankenhaus. Vier Brandenburger an Bord überleben das Flammenmeer. Nach und nach werden zahlreiche Beileidsbekundungen veröffentlicht. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) drücken ihr Mitgefühl aus. Es muss ein Inferno gewesen sein: Vom Bus ist nur noch das Gehäuse zu sehen. Das Wrack bietet einen grausigen Anblick.

Hentschel von der Feuerwehr sagt: "Der Bus stand lichterloh in Flammen." Noch wirken die Feuerwehrleute nach ihrem Einsatz routiniert. Am Unglücksort fahren sie den Spurensicherungs-Experten der Polizei eine Drehleiter aus, damit die bessere Fotos von der Szenerie machen können. "Im Einsatz funktionierst du, die Bilder kommen erst hinterher, wenn du zur Ruhe kommst", sagt Hentschel. Er war auch schon vor Ort, als 1990 in der Nähe der jetzigen Unglücksstelle ein anderer tragischer Unfall passierte: Bei einer Massenkarambolage starben damals zehn Menschen, weitere 122 wurden verletzt. Vergleichen könne man die beiden Unglücke aber nicht, sagt Hentschel: "Damals hatten wir ein eineinhalb Kilometer langes Trümmerfeld." Am Montag schützen Feuerwehrfahrzeuge und Planen die Reste des drei Jahre alten Busses, der einem Unternehmen aus Löbau gehörte, vor neugierigen Blicken.

Experten der Spurensicherung und der Rechtsmedizin haben mit ihren Arbeiten begonnen. Die Opfer müssen identifiziert werden. Und die Staatsanwaltschaft will aufklären, wie es zu dem Unfall kam. Denn wie ein Bus so rasch komplett in Brand geraten konnte - das wirft Fragen auf.

Die 30 Menschen, die sich aus dem Bus retten konnten, sind in umliegende Krankenhäuser gebracht worden. Rettungshubschrauber landeten auf der Autobahn und flogen die Opfer in Kliniken. "Sie haben teils sehr schwere Verletzungen erlitten", sagt Polizeisprecherin Anne Höfer. Die Polizei hat die A9 komplett abgeriegelt. Lange Staus auch auf den Umgehungsstraßen folgen.

Fassungslosigkeit herrscht auch in den Ortschaften im Umland, die teils in Sichtweite zur sonst pulsierenden A9 liegen. "Das ist der schlimmste Unfall, den wir je auf unserem Gemeindegebiet hatten. Das ist einfach katastrophal", sagt Karl Philipp Ehrler, Bürgermeister des nahen Marktes Stammbach (CSU). Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick rief via Twitter zu Gebeten auf: "Beten wir für die Opfer, unsere Gedanken sind bei den Angehörigen."

Später kommen Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt und Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (beide CSU) an die A9. Sie sprechen mit den Helfern. Und kritisieren, dass offenkundig auf der Autobahn nicht schnell genug eine Rettungsgasse gebildet wurde für die Einsatzkräfte. Das sei "unverantwortlich", sagt Herrmann über die Autofahrer, die den Einsatzfahrzeugen keinen Platz gelassen hatten. "Was wir gesehen haben, ist erschreckend, wie man es sich kaum vorstellen kann", sagte Dobrindt.

Nur zehn Minuten nach dem Alarm seien die ersten Rettungskräfte am Unfallort gewesen, sagte Dobrindt. Doch aufgrund der großen Hitze hätten sie nichts mehr tun können. Diese Situation sei für die allesamt ehrenamtlichen Feuerwehrleute extrem hart gewesen, sagte Joachim Herrmann. Weil die Rettungsgasse nicht breit genug war, hätten vor allem die großen Einsatzfahrzeuge wertvolle Zeit verloren. Auf der Gegenfahrbahn hätten zudem einige Gaffer beinahe weitere Unfälle verursacht. Herrmann betonte trotzdem: "Es ist so schnell wie irgend möglich Hilfe geleistet worden." Etwa 100 Polizisten und mehr als 150 Rettungskräfte waren im Einsatz. Nach Angaben der Integrierten Leitstelle waren Bus und Lkw-Anhänger ineinander verkeilt, zeitweise habe auch ein angrenzender Wald gebrannt.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) versprach eine schnelle Aufklärung der Unfallursache. Wie seine sächsischen und brandenburgischen Amtskollegen, Stanislaw Tillich (CDU) und Dietmar Woidke (SPD), sprach der CSU-Chef den Angehörigen sein Beileid aus. EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker schrieb in einem Brief an Seehofer: "Die erschütternden Bilder des Busunglücks in Bayern haben mich zutiefst betroffen gemacht."

Die Verletzten sind inzwischen in Krankenhäuser, wo sie von Seelsorgern betreut werden. Auch die Rettungskräfte bekommen Hilfe von einem Kriseninterventionsteam. Für Angehörige wurde die zentrale Telefonnummer 0800/7766350 geschaltet.

Zum Thema:
Das Unglücksfahrzeug gehörte dem Löbauer Busunternehmen Reimann. Wie dessen Inhaber Hartmut Reimann bestätigt, ist der Bus Montagnacht gegen 0.30 Uhr in Löbau losgefahren, Ziel war der Gardasee. Nachdem der Bus noch ohne Fahrgäste in Löbau gestartet war, stiegen die Passagiere in Weißwasser, Senftenberg und Dresden zu. Dann ging die Reise weiter Richtung Süden. Das Fahrzeug sei drei Jahre alt gewesen und zuletzt im April ohne Beanstandungen vom TÜV geprüft worden, teilten der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer (bdo) und der Landesverband des Sächsischen Verkehrsgewerbes (LSV) am Montag mit. Er sei vorschriftsmäßig mit zwei Fahrern unterwegs gewesen. Der Kollege, der zum Zeitpunkt des Aufpralls am Steuer saß und umkam, war demnach seit mehr als zehn Jahren bei dem Unternehmen beschäftigt und 2013 für langjähriges unfallfreies und sicheres Fahren ausgezeichnet worden. Er hatte zuletzt im November 2016 ein Fahrsicherheitstraining gemacht.