Anett Krüger sagt, dass sie für diesen skurrilen Zivilstreit ja nun wirklich nichts kann. Vielmehr sei es „die erste Amtshandlung der neuen Hausverwaltung“ gewesen, ihr vor knapp zwei Jahren das weitere Aufhängen einer Piratenflagge im Kinderzimmer zu untersagen – weil dies eine abschreckende Wirkung auf potenzielle Mieter habe. Krüger weigerte sich damals, der Vermieter wollte nicht klein beigeben, so wurde die Angelegenheit zum Fall für die Justiz.

In erster Instanz gab das Amtsgericht Chemnitz dem Hauseigentümer recht und verfügte wegen der „ästhetischen Beeinträchtigung“: Die Fahne muss ab. Diese Entscheidung hob das Landgericht Chemnitz nun auf: Mit seinem Urteil am Freitag schlug es sich auf die Seite der Mieterin, weil die Interessen des Hauseigentümers nicht in unzumutbarer Weise beeinträchtigt worden seien.

Bei dem Eigentümer handelt es sich pikanterweise um die Kester-Haeusler-Stiftung aus dem bayerischen Fürstenfeldbruck, deren Vorstandschef ein Anwalt ist – Volker Thieler, Autor des 2009 erschienenen Ratgebers „Die Rechtsirrtümer im Mietrecht“. Er dürfte an dem Urteil schwer zu knabbern haben, vor allem, weil er dagegen nicht mehr vorgehen kann.

In Chemnitz ließ er sich am Freitag nicht blicken, genauso wenig wie der Plauener Anwalt der Stiftung. Der hatte zuvor im Verfahren angegeben, dass der Vermieter durch den Totenkopf als Fenstervorhang im ersten Stock direkt über der Haustür potenzielle Mieter verloren und dadurch einen Schaden in Höhe von 700 Euro – zwei Monatsmieten – erlitten hatte. Aber das Gericht folgte dem nicht. Auch, weil es sich eindeutig um eine Kinderfahne gehandelt habe – „ein grinsender Schädel mit einer Augenklappe“. Auf „Satanisten“ oder „Hardcore-Fans von St. Pauli“ lasse das Motiv eher nicht schließen, hieß es trocken.

Das Urteil zur Chemnitzer Hübschmannstraße sei freilich keine Grundsatzentscheidung, beeilte sich Richter Andreas Frei hinzuzufügen. Mit seinem Urteil stellt er Familie Krüger vor ein neues Problem: Was soll nun mit der Flagge passieren? Vier Jahre hatte sie unbeanstandet im Fenster gehangen, nachdem sie die heute 16-jährige Tochter Antje bei einer privaten Party zum Piratenfilm „Fluch der Karibik“ 2006 geschenkt bekommen hatte. Damals schnappte sie sich ihr sechs Jahre älterer Bruder Tobi – der nach Ansicht seiner Mutter nun entscheiden darf, was weiter geschieht. Ginge es nach ihr, kommt die Flagge wieder ins Fenster. Auch weil schon viele Passanten – zum Teil auch mit Kinderwagen – sie vermisst hätten, sagt Frau Krüger. Für die Kameras und Fotografen wollte sie den Totenkopf noch am Freitag auch kurz ins Fenster hängen. Aber mit der Entscheidung über eine Dauerlösung will sie auf Tobi warten. Ihr Sohn sei Veranstaltungstechniker und gerade mit Mike Krüger unterwegs. Zu dem mit ihr nicht verwandten Entertainer fällt Anett Krüger gleich auch etwas ein: „Wenn er gut ist, macht er einen neuen Song draus.“

Ihre Tochter Antje outet sich derweil als diejenige, die wohl am leichtesten ohne Fahne leben könnte. Es sei „blöd, dass die Kostenfrage noch nicht geklärt ist“, sagt die 16-Jährige. Tatsächlich ist dies Sache des Amtsgerichts, an dem sich die Krügers mit der Stiftung noch um eine von ihnen eingereichte Widerklage streiten – wegen Mängeln an der Mietsache. Antje bringt eine Versteigerung der berühmt gewordenen Piratenflagge im Internet ins Spiel. „Mich würde schon interessieren, wie viel sie jetzt auf Ebay wert ist.“

Krügers Anwältin Gabriele Krumpholz gab sich nach dem Urteilsspruch übrigens auch abwartend. Hoffentlich sei der Erfolg kein „Pyrrhussieg“ – nicht dass der Vermieter nun zu anderen schikanösen Mitteln greife. In Chemnitz hatte der Fall Solidarität mit den Krügers ausgelöst. Ein Laden legte T-Shirts mit dem Totenkopf und Aufdruck „Flagge zeigen“ auf. Die Piratenpartei warb für Präsenz beim Ortstermin des Gerichts Mitte September – auch wenn die letztlich spärlich ausfiel.