"Die Unterbringung von Straftätern in unserer Einrichtung ist durch das Gesetz klar geregelt", erklärt der Chefarzt der forensischen (gerichtsmedizinischen) Abteilung, Dr. Lothar Rödszus. Sie wird angeordnet, wenn die Straftat unter dem Einfluss von psychischen Krankheiten oder Suchtmitteln begangen wurde. Oftmals haben die Straffälligen schon langjährige Haftstrafen abgesessen. "Wir betreuen ausschließlich suchtkranke Patienten, hauptsächlich Alkoholsüchtige", so Dr. Rödszus. Der Chefarzt spricht bewusst von "Patienten" und nicht von "Gefangenen", ebenso wie er klarstellt: "Unsere forensische Station ist kein Gefängnis."
Dennoch sind die Insassen natürlich in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Nicht genügend, hieß es in den vergangenen Monaten desöfteren. Der Grund: Allein in diesem Jahr gab es vier Fälle, in denen Patienten des Maßregelvollzuges das Weite suchten. Besonderes Aufsehen erregte der jüngste Fall, nämlich der des Axel K., der erst nach zwei Monaten gefasst werden konnte. "Diese Vorfälle wurden in der Öffentlichkeit oftmals falsch dargestellt", erklärt Dr. Lothar Rödszus. So habe es keine einzige Flucht aus der geschlossenen Station des Maßregelvollzuges gegeben. Dennoch werde man im nächsten Jahr bauliche Erweiterungen vornehmen, die ein noch höheres Sicherheitslevel garantieren. Die Entweichungen erfolgten ausschließlich während der so genannten "Lockerungen" - begleiteten Ausgängen auf dem Klinikgelände oder später auch außerhalb desselben. Hier sollen künftig restriktivere Regelungen greifen, um weitere Fluchtversuche zu verhindern.
"Die Lockerungen sind allerdings unverzichtbarer Bestandteil der Therapie", betont der Chefarzt. Schließlich verfolge man das Ziel, die Patienten nach erfolgreichem Abschluss in die Freiheit zu entlassen. Zur forensischen Abteilung in Großschweidnitz gehören drei Stationen: Die geschlossene Akut- und Aufnahmestation 14, die Therapiestation 28 sowie die Rehabilitationsstation 7. Die Station 14 verfügt über umfangreiche Sicherungsanlagen, beispielsweise eine hohe Mauer mit Stacheldrahtrollen sowie vergitterte Fenster. Elf Kameras überwachen jeden Schritt, der auf dem Stationsgelände gegangen wird. Hauptziel ist es hier, die Patienten an einen strukturierten Tagesablauf zu gewöhnen und ihre Therapiebereitschaft festzustellen. Auf Station 28 ist das Sicherheitslevel schon weitaus niedriger, und auf Station 7 stellt der schrittweise Kontakt mit der Außenwelt das Hauptziel der Arbeit dar. Andreas S. ist noch eine n Schritt weiter - er lebt gemeinsam mit anderen Patienten in einer betreuten Außenwohngruppe. "Die Therapiedauer beträgt insgesamt zwei Jahre", so Dr. Lothar Rödszus. Die Rückfallquote in die Straffälligkeit liegt bei 20 Prozent - niedriger als bei Strafvoll zugentlassenen. Und so ist die Chance doch recht hoch, dass sich Lothar Rödszus und Andreas S. nicht wieder sehen - zumindest nicht als Arzt und Patient auf der forensischen Station.