Schriftsteller Rick Hardin fährt ziellos umher. Er hat sich mit seiner Frau gestritten. Mitten in der Einöde ist sie an einer Tankstelle ausgestiegen und wollte mit dem Taxi weiter. Doch das fährt nie vor. Sie ruft ihren Mann an, will sich versöhnen. Als der kommt, ist sie nicht mehr da. Er wartet. Schreie. Hardin denkt, dass seine Frau in Schwierigkeiten steckt. Panik. Er greift ein - und wird sich bald wünschen, nie ausgestiegen zu sein.

Mit mehr als 400 Millionen weltweit verkaufter Bücher ist Stephen King einer der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Filmstudenten aus Potsdam ist es zu verdanken, dass Bad Liebenwerda (Elbe-Elster) nun ein bisschen mit seinem Namen in Verbindung gebracht wird. Die Horror-Kurzgeschichte "Rest stop" wird als erste deutsche King-Verfilmung überhaupt über die Leinwand flimmern. Ort des Grauens: eine Tankstelle in der Nähe von Bad Liebenwerda. "Dieser Platz, einsam und geheimnisvoll, ist ideal für unsere Horrorgeschichte", sagt Produzent Paul Andexel. Gemeinsam mit seinem Filmteam hat er nach geeigneten Orten für den Dreh gesucht und ist im Elbe-Elster-Kreis fündig geworden.

Für den symbolischen Betrag von einem Dollar hatte sich Andexel die Rechte an "Rest Stop" sichern können. Stephen King bietet seit mehreren Jahren mit seinem Projekt "Dollar Babies" Studierenden die Möglichkeit, ausgewählte Kurzgeschichten zu verfilmen. So konnte Andexel gemeinsam mit der Drehbuchstudentin Carola M. Lowitz und dem Regiestudenten Félix Koch den knapp 20-minütigen Horrorfilm 2010 und 2011 drehen.

Jetzt, da alles im Kasten ist, hofft Produzent Andexel, dass ihm dasselbe Kunststück wie Regisseur Frank Darabont gelingt. Auch er hatte einst einen Kurzfilm von Stephen King verfilmt. Das Werk gefiel dem Horror-Meister so gut, dass Darabont den Film "Die Verurteilten" drehen durfte - für viele Kritiker einer der besten Filme aller Zeiten. Darabont zählt seitdem zu den großen Meistern seines Fachs.

Ein guter Anfang für mehr Aufmerksamkeit sind die Hofer Filmtage, auf denen "You missed Sonja" seine Weltpremiere feiern wird. In Hof trifft sich seit Jahren die Crème de la Crème des Films. Rosa von Praunheim ("Die Jungs vom Bahnhof Zoo") oder Tom Tykwer ("Das Parfüm") waren schon dort. "Es ist eine große Ehre, genau bei diesem Festival Weltpremiere zu feiern. Es ist das, was ich immer gehofft hatte", sagt Andexel.

Dabei mussten die Filmstudenten aus Potsdam Babelsberg einige Hürden meistern. "Der Fluch des Stephen King", wie Andexel sagt. Technische Probleme hatten dazu geführt, dass Teile des Films noch mal gedreht werden mussten. Dann wurde das Geld knapp. Zusätzlich zu Partnern wie der Rat Pack Filmproduktion machten sich die Studierenden über ihre Homepage auf die Suche nach finanziellen Mitteln. Andexel stellte in Internet-Foren das Projekt vor und warb um Unterstützung von King-Fans aus der ganzen Welt. Über Kleinstspenden kamen mehr als 2000 Euro zusammen. So häufte er mit Sponsoren, Spenden und eigenen Mitteln 20 000 Euro an.

Für Andexel ist die Produktion gleichzeitig auch sein Diplom-Abschlussprojekt an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg. "Ich habe es mir ein bisschen einfacher vorgestellt, einen Horror-Film zu drehen", sagt er rückblickend. So müsse etwa beim Horror-Film ganz klar sein, wer der Bösewicht ist. Die Figuren lassen Unschärfen nicht zu. Auch deshalb ist Andexel mit seinem Team mehrmals nach Bad Liebenwerda gefahren, um weitere Szenen zu drehen. "Es soll ja schließlich perfekt sein", sagt er.

Mit den Schauspielern Christian Erdmann, Ute Springer, Oliver Breite und Greta Galisch de Palma konnte Andexel renommierte und erfahrene Leute verpflichten. Für die musikalische Umsetzung gewann er das Filmorchester Babelsberg. "Mit Kurzfilmen kann man zwar kein Geld verdienen, dafür aber Aufmerksamkeit bekommen", sagt er.

Andexel ist ein großer Fan des Genre-Kinos. Zu seinen Lieblingsfilmen zählen "Léon der Profi" mit Jean Reno und der jungen Natalie Portman und die Batman-Verfilmung "The Dark Knight" von Christopher Nolan. "Ich gehe tatsächlich ins Kino, weil ich etwas erleben will. Mit einfachen Zustandsbeschreibungen kann ich nichts anfangen", sagt er. Damit fällt er auch an seiner Hochschule aus dem Rahmen. Viele Abschlussfilme seiner Kommilitonen sind bedeutungsschwer. "Klar ist das super wichtig. Aber ein richtig guter Action- oder Horrorfilm kann dafür sehr viel Spaß machen", sagt er.

Ob Andexel und sein Team irgendwann auch erfolgreiche Kinofilme drehen werden wie King-Verehrer Darabont, müssen vor allem die Zuschauer entscheiden. Einen großen Kritiker haben die Potsdamer Filmstudenten aber schon jetzt an der Backe. Der Herr lebt in Maine, Vereinigte Staaten von Amerika, und heißt Stephen King. Der wird sich den Film persönlich ansehen. Das ist nämlich Teil des Vertrags der "Dollar Babies".

www.youmissedsonja.com

"You missed Sonja" wird am 26. Oktober bei den 46. Hofer Filmtagen gezeigt.