Wenn Andreas Muschter in seiner Freizeit als Stadtführer arbeitet, braucht er nur vor die eigene Haustür zu gehen. Er wohnt in einer historischen Gartenstadt. Die Siedlung Marga in Senftenberg (Oberspreewald-Lausitz) zählt zu den ältesten Gartenstädten in Deutschland. Sie wurde vor rund 100 Jahren für Bergbau-Arbeiter errichtet, direkt neben einer Brikettfabrik. Heute versucht die nach der Wende aufwendig sanierte Siedlung, mehr Touristen anzuziehen. Gute Ansätze sind da, aber es ist noch Luft nach oben.

Bauingenieur Muschter hat viele Anekdoten parat. Er steht mit einer Touristengruppe aus Karlsruhe an Steinbänken mitten in der Siedlung. "Hier haben die Frauen immer gesessen und ihre Männer abgepasst, damit sie nicht mit dem ausgezahlten Lohn zum Wirt gehen", berichtet der Stadtführer.

Es gibt in der kreisförmig angelegten Siedlung mit 78 Häusern einen zentralen Platz, dort beginnt Muschter jedes Mal seine Tour. Eine Kirche, eine Schule und das wohl repräsentativste Gebäude - die ehemalige Gaststätte "Kaiserkrone" - sind dort zu sehen.

Die Siedlung wurde zwischen 1907 und 1915 als Werkssiedlung der Ilse Bergbau AG errichtet. Der Name Marga geht auf eine Tochter eines Generaldirektors des Unternehmens zurück.

Die Gartenstadt mit Villencharakter ist nicht die einzige, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland entstand. Bekannt sind auch die Gartenstädte Hellerau in Dresden und Margarethenhöhe in Essen.

Professor Holger Schmidt von der Technischen Universität Kaiserslautern sagt: "Das Phänomen der Gartenstadt kommt aus England. Die Gartenstadt war die Reaktion auf unhaltbare Wohnverhältnisse, gerade in Industriestädten." Die Industrialisierung ließ Städte schnell anwachsen. Es entstanden Mietshäuser in Hinterhöfen, wie in Berlin. "Man wollte weg davon, dass Menschen kein Licht in den Hinterhöfen hatten und die Kinder im Dreck spielten. Man wollte mehr Licht, eine bessere Luftqualität und einen Garten für Selbstversorgung", erläutert der Stadtplaner.

Was ist das Besondere an Marga? Schmidt zählt einige Punkte auf: die kreisförmige Struktur. Marga wurde nicht genossenschaftlich organisiert, sondern ein Industrieunternehmen baute die Gartenstadt in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem Betrieb auf. Die architektonische Schönheit durch den Villencharakter. Und die Positionierung der Versorgungseinrichtungen rund um den Markt mit Kirche, Schule, Kaufhaus und Restaurant.

Die Ortsvorsteherin des Ortsteils Brieske, Christina Nicklisch (Freie Wähler), sagt über die Bekanntheit von Marga: "Es kommen immer mehr Touristen, die Nachfrage ist gestiegen." Aber Marga ist noch nicht lange touristisch erschlossen. In einer Dauerausstellung mitten in der Siedlung gibt es einen Film und viele Infotafeln. An der Autobahn 13 weisen seit Jahresanfang Hinweistafeln auf die denkmalgeschützte Siedlung hin.

Das Angebot soll erweitert werden. Ziel sei es in den kommenden Jahren, Wegweiser in der Gartenstadt für Touristen anzubringen. "Auch eine Handy-App ist angedacht", sagt Nicklisch. Die Anwohner haben offenbar nichts gegen Touristengruppen, die die Häuser in Augenschein nehmen. Ein Mann werkelt in seinem Garten und grüßt. "Ich habe hier früher schon einmal als Kind gewohnt", berichtet er. Das Leben sei aber anders gewesen als heute: "Es war damals vor allem eines: staubig von der Kohle."

Heute ist die Gartenstadt zum Wohnen beliebt. Die Auslastung liege bei 98 Prozent, berichtet Nicklisch. Nur im gewerblichen Sektor hapere es etwas. Es gibt einen Kosmetiksalon, einen Waschsalon, eine Bäckerei und ein Sozialkaufhaus. Die Metzgerei sei insolvent gegangen. Das Gebäude, das noch nicht restauriert ist, bezeichnet sie als "Schandfleck" in der Siedlung.

Die Besuchergruppe bemängelt während des Rundgangs, dass es auf dem zentralen Platz kein Café mit Sitzmöglichkeiten im Freien gebe. Nicklisch verweist darauf, dass es in unmittelbarer Nähe zur Siedlung eine Alternative gebe. Es sei schwierig, in den Wintermonaten einen solchen Betrieb in der Gartenstadt aufrecht zu erhalten, gibt sie zu bedenken.