Wenn der Air-France-Flug 755 am Samstagfrüh in Paris eintrifft, erleben die Passagiere eine Premiere: sie bekommen sofort ein digitales Thermometer vors Gesicht gehalten, mit dem ihre Temperatur gemessen wird. Denn AF755 fliegt aus Conakry, der Hauptstadt Guineas, zum Pariser Großflughafen Charles de Gaulle. Und die frühere französische Kolonie Guinea ist eines der afrikanischen Länder, in denen Ebola wütet. "Unsere Verantwortung besteht darin, die Ärzteteams in Afrika zu verstärken, aber auch, das französische Gebiet zu schützen", sagt Gesundheitsministerin Marisol Touraine.

Schon auf der Brücke, die das Flugzeug mit dem Flughafengebäude verbindet, wird deshalb Fieber gemessen, denn: "So lange es kein Fieber gibt, gibt es überhaupt kein Ansteckungsrisiko", betont Touraine. Beim Abflug in Conakry werden die Reisenden Richtung Paris bereits ein erstes Mal kontrolliert. Im Flugzeug müssen sie dann ihre Daten und ihre Reiseroute angeben, um sie im Fall der Ebola-Erkrankung eines Mitreisenden aufzuspüren. Eine mühsame Suche wie in den USA nach den 132 Passagieren, die mit einer mit Ebola infizierten Pflegerin im Flugzeug saßen, soll so verhindert werden.

Neun französische Krankenhäuser gerüstet

Auch eine französische Krankenschwester steckte sich in Liberia mit der Krankheit an, an der bereits mehr als 4000 Menschen starben. Die Mitarbeiterin der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen wurde mit einem Spezialflugzeug in ihre Heimat zurückgeflogen und gilt inzwischen als geheilt. Neun Krankenhäuser sind in Frankreich dafür gerüstet, Ebola-Patienten aufzunehmen. In einem davon, dem Hôpital Begin bei Paris, wurde am Donnerstag eine Krankenschwester eingeliefert, die mit der geheilten Infizierten Kontakt gehabt haben soll.

Rund ein Dutzend Verdachtsfälle gab es bisher landesweit, die alle negativ getestet wurden. "In Frankreich riskieren wir nichts", versichert der Arzt und frühere Außenminister Bernard Kouchner im Radio. "Wir haben ein Gesundheitssystem, das völlig ausreichend ist, um mit einer Epidemie wie dieser umzugehen."

"Die Leute fliehen einen wie die Pest"

Dennoch breitet sich in Frankreich mit seinen zahlreichen afrikanischen Einwanderern inzwischen Angst aus. In der Pariser Vorstadt Boulogne-Billancourt wurde eine ganze Familie Opfer der Ebola-Hysterie. Mehrere Eltern einer Grundschule weigerten sich, ihre Kinder zum Unterricht zu schicken, weil ein Mitschüler aus Guinea zurückgekommen war - ohne Ebola-Symptome. "Man sollte vermeiden zu sagen, dass man Guineer ist, denn die Leute fliehen einen wie die Pest", bemerkt die Mutter des betroffenen Jungen im Fernsehen bitter. In Cergy-Pontoise bei Paris wurde eine Behörde mit rund 60 Menschen darin vergangene Woche vorübergehend abgeriegelt, weil ein junger Mann bewusstlos wurde, der sich zuvor in Guinea aufgehalten hatte.

Frankreich ist laut Experten der Northeastern University in Boston das europäische Land, bei dem die Wahrscheinlichkeit eines Ebola-Ausbruchs am höchsten ist, da es besonders viele Flugverbindungen nach Westafrika gibt. Eine Gewerkschaft von Air-France-Mitarbeitern forderte bereits im August, die Ebola-Staaten Guinea, Sierra Leone und Nigeria nicht mehr anzufliegen. "Die Fluggesellschaft zwingt kein Mitglied des Flugpersonals nach Conakry, Freetown und Lagos zu fliegen", erklärte Air France daraufhin und strich Freetown später von der Reiseliste. Der Gesundheitsbeauftragte der Fluggesellschaft beruhigte für die restlichen Ziele: "Eine Person, die an einer bakteriellen Meningitis leidet, bedeutet ein größeres Risiko, wenn sie ein Flugzeug besteigt."