Um 21.15 Uhr war am Montagabend im kubanischen Fernsehen plötzlich Schluss mit der Seifenoper. Unerwartet und urplötzlich wurde die beliebte Unterhaltung der Kubaner unterbrochen und es trat ein ernst dreinblickender junger Mann mit kariertem Hemd und Brille vor die Kamera. Carlos Valenciaga, persönlicher Sekretär von Fidel Castro, verlas hastig das Undenkbare: Ein Kommuniqué des Revolutions- und Staatschefs, in dem dieser zum ersten Mal in fast 48 Jahren seine Ämter aufgrund einer schweren Erkrankung abgibt. Hastig und schnell, Funktion für Funktion verlas Valenciaga die Namen derer, die eine der vielen Funktionen Castros wegen seiner überraschenden Darm-Operation übernommen haben. Jedoch immer mit der entscheidenden Vokabel vorab: vorübergehend. Das Wort taucht sechsmal in der Erklärung auf. Die wichtigsten Ämter, die des Staatschefs, des Oberbefehlshabers der Streitkräfte und des Parteichefs übernimmt Fidels jüngerer Bruder Raúl Castro - vorübergehend.
Wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag hat sich der dienstälteste Staatschef der Welt erstmals krank gemeldet. Und offenbar ist es eine ernste Erkrankung. Denn die Operation kommt plötzlich und unerwartet. Noch am 26. Juli hatte sich der Maximo Lider bei den Feiern zum Jahrestag des Sturms auf die Moncada-Kaserne über seine Feinde und seine eigene Gesundheit belustigt. "Ich glaube, in unserem Land gibt es tausende Menschen, die über hundert Jahre alt sind. Aber unsere kleinen Nachbarn im Norden sollen sich nicht erschrecken: Ich habe nicht vor, in diesem Alter noch an der Macht zu sein", sagte er vor 100 000 Menschen in Bayamo.
Details über den Eingriff, und ob es eine Not-OP oder sie doch länger geplant war, wurde in Havanna in der Nacht zu gestern nicht bekannt. Dass es kein kleiner Eingriff war, ging noch aus der Erklärung hervor, die Castros Sekretär verlas: "Aufgrund der enormen Anstrengungen beim Treffen lateinamerikanischer Präsidenten im argentinischen Cordoba, beim Besuch des Geburtsorts von Che Guevara und der Teilnahme an den Jubiläumsfeiern zum Beginn der bewaffneten Revolution sowie aufgrund der Arbeit Tag und Nacht ohne genügend Schlaf kam es zu extremem Stress und in der Folge zu Darmblutungen. Deshalb musste ich mich einem komplizierten, chirurgischen Eingriff unterziehen."
Während die Exil-Kubaner die Nachricht über Castros Erkrankung mit Jubel in den Straßen von Miami feierten, nahm die Bevölkerung auf der Insel die Neuigkeit fast ungläubig auf.
In der Nacht herrschte eine gespannte Ruhe in Kuba. Viele Menschen trafen sich mit Nachbarn, um die Krankheit des Präsidenten und ihre Konsequenzen zu erörtern. Rund acht der zwölf Millionen Kubaner kennen keinen anderen Staatschef als Fidel Castro. Gestern Morgen ging das Leben zunächst ungestört weiter, die Kubaner gingen wie täglich ihrer Arbeit nach. Auch die Dissidenten zeigten sich sehr überrascht von Castros Erkrankung: "Ich hätte nie gedacht, dass das passiert, nachdem er am 26. Juli noch so gesund erschien", sagte Marta Beatriz Roque, eine von Castros schärfsten Kritikerinnen.
In 13 Tagen wird Castro 80 Jahre alt. Und im Moment weiß niemand, wie und ob er seinen Geburtstag noch erlebt. Die Feierlichkeiten wurden jedenfalls gleich um Monate auf den 2. Dezember verschoben, den Jahrestag, als Castro mit seinen Gefährten aus Mexiko an Bord der Granma in Kuba anlandete.
Der 75-jährige General Raúl Castro war bislang Erster Vizepräsident der Regierung, Zweiter Sekretär der Kommunistischen Partei und gemäß der kubanischen Verfassung im Notfall auch der rechtmäßige Nachfolger seines Bruders. Seine Ernennung kam deshalb nicht überraschend.