Siegfried Schulze (64) ist dick verpackt. Handschuhe, Hosen, Jacken, Pullover, Mütze mummeln den Mann aus der Spreewaldgemeinde Werben ein. Schulze verkauft am Hauptbahnhof in Cottbus Bäume. "Am Schlimmsten ist die Feuchtigkeit. Die macht alles klamm", sagt er. Den Interessenten die Weihnachtsbäume persönlich zu präsentieren, lässt er sich trotzdem nicht nehmen. "Liegen sie auf dem Haufen, weiß der Kunde ja nicht, was er kauft", sagt er. Wenn’s allzu kalt wird, sorgt ein Tee, auch mal mit Schuss, für innere Wärme.

"Gedopte" Bäume

Sein Stand unter freiem Himmel ist noch gut gefüllt. 1000 Bäume sind im Angebot. Am Wochenende hoffen Siegfried Schulze und sein Chef von einer brandenburgischen Baumschule, die meisten davon los zu werden.

Die Nordmanntanne, in Dänemark gezüchtet und importiert, gehört natürlich zu den Rennern, bemerkt auch Weihnachtsbaumverkäufer Schulze. Knapp 50 Euro muss man für ein Prachtexemplar beim Händler löhnen. "Schön sehen die Tannen aus dem Norden schon aus", schwärmt Schulze. Allerdings verraten die oft dicken Stämme, die kaum in die Ständer passen, dass auf den Plantagen kräftig gedopt wird. Dünger für das Gedeihen und Gift gegen das Gras haben die etwa zehn Jahre alten Bäume in ihrem Wachsen für die weihnachtlichen Wohnstuben begleitet.

Einheimische Bäume haben solche Fürsorge nicht erfahren. Die Förster und Waldarbeiter der Region schwören trotzdem auf sie.

Douglasie oder Blaufichte, Jürgen Kalbe vom Forstamt Peitz, hat sich noch nicht für seine Weihnachtsbaumart entschieden. Rund 2000 Bäume sind in den Peitzer Revieren geschlagen worden. Darüber hinaus besteht auch an diesem Wochenende in vielen Orten noch die Möglichkeit, sich sein Weihnachtsschmuckstück selbst aus dem Wald zu holen – mit Genehmigung des Försters natürlich.

Alles andere, so der Leiter der Oberförsterei Cottbus, Arne Barkhausen, kann teuer werden. Ordnungsgeld ab 30 Euro aufwärts und Anzeigen wegen Diebstahls sind Konsequenzen für jene, die sich beim Waldfrevel erwischen lassen.

Sind 25,5 Millionen gefällte Bäume jedes Jahr aber nicht ebenfalls Kahlschlag an der Natur? Die Fachleute verneinen. Sachsen Forstminister Steffen Flath (CDU) wirbt: "Wer seine Stube mit einem echten Baum schmückt, der tut was für die Umwelt." Christian Hohm vom brandenburgischen Forstministerium wertet sie als sinnvolle Ergebnisse der Waldpflege. 25 000 etwa 1,50 Meter hohe Bäumchen werden von den 250 000 Hektar Landeswald jährlich geerntet, etwa ebenso viel dürften es aus privaten oder kommunalen Wäldern sein.´

Damit wird Platz geschaffen, damit sich im Laufe der Jahrzehnte aus dicht bewachsenen Schonungen richtige Bäume empor recken können. Beim Begrünen des Waldes, so Christian Hohm, werden etwa 10 000 Kiefern je Hektar gepflanzt. Die kleinen Bäumchen sollen schnell in die Höhe treiben und Schulterschluss erreichen. Damit wird das Gras klein gehalten, das ihnen gefährlich werden kann. Es ist die natürliche Alternative zum Gift in Plantagen. In diesem Stadium entwickeln die Hölzer allerdings vie-le Äste. Das ist ideal für Weihnachtsbäume, vernünftige Bretter würden daraus nicht. Deshalb werden die jungen Bäume entnommen. Nach 120 Jahren sind von den einst 10 000 Kiefern nur noch 250 auf dem Hektar übrig geblieben.

Zweites Erntefeld in Brandenburg und Sachsen sind Energie- und Gastrassen. Durch festgelegte Wuchshöhen ist ein richtiges Aufforsten nicht möglich. Durch das Anlegen von Weihnachtsbaumkulturen unter diesen
Trassen entstehen Heide-Biotope, wie sie zur Mark und der sächsischen Lausitz gehören.

Gewinn für Waldumbau

Die Gemeine Kiefer ist der Brotbaum in unserer Gegend, prägt fast 80 Prozent der Wälder der Region. Mit etwa vier Euro je Meter sind Kiefern als Weihnachtsbäume auch am preiswertesten. Für Rotfichte und Douglasie muss der Liebhaber je einen Euro mehr hinblättern, eine Blaufichte kann schon zwölf Euro je Meter kosten. Was als Gewinn aus den Weihnachtsbaumverkäufen in den Kassen der Forstämter übrig bleibt, wird für den Waldumbau verwandt, um auch andere Baumarten heimisch werden zu lassen. Das ist wichtig für das ökologische Gleichgewicht, aber auch für den Brandschutz.

Die dänische oder norddeutsche Nordmanntanne für den größeren Geldbeutel muss durchaus einheimische Konkurrenz fürchten. Der Sachsen liebster Weihnachtsbaum, so haben die Holzverwerter im zuständigen Ministerium des Freistaates festgestellt, sei seit einigen Jahren die Fichte, gefolgt von Kiefer und Blaufichte. Einheimische Weihnachtsbaumverkäufer werben mit frisch geschlagenen Bäumen, kurzen Transportwegen und der Haltbarkeit bis weit in den Januar hinein. Harz an den Händen nach dem Einstielen ist ein gutes Zeichen dafür, dass der Auserwählte noch im Safte steht. Importierte Nadlige sind nicht selten schon im September von den Wurzeln geholt, um in Kühlhäusern auf das noch sehr ferne Fest zu warten.

Nackt müssen solche Exemplare am Heiligabend dennoch nicht da stehen. Eine im Guinnessbuch der Rekorde eingetragene Nordmanntanne durfte schon mehrere Feste erleben – dank Farbspray und anderer
Mittelchen. Schulzes Bäume, das ist sicher, sind von solcher Behandlung noch verschont geblieben.

Verbrauchertipps

Fragen und Antworten zum Weihnachtsbaum

Ist ein Plastikbaum besser?

Das ist Geschmacksache. Mit Tannenduft aus der Spraydose riecht es (vielleicht) nach Wald. Sagen Sie Ihren Kindern aber, dass der nicht im Wald wächst.

Wie sieht der perfekte Baum aus?

Perfekt ist, was gefällt. Absolut gleichförmige Zinnsoldaten sind der Natur allerdings fremd.

Welche Vorteile haben Ballenpflanzen?

Sie bleiben länger frisch, falls man das Gießen nicht vergisst. Eine Garantie für das Anwachsen im heimischen Garten nach dem Fest gibt es allerdings nicht.

Wie bleibt ein Baum länger frisch?

Lieber kühle Fensterecken als Standort wählen, statt den Baum an warme Heizungen zu stellen. Ein Ständer mit Wasser oder feuchtem Sand bewirkt manchmal Wunder.

Und nach dem Fest, wohin mit dem Schmuckstück?

Eine Mulchschicht aus gehäckseltem Nadelholz tut Rhododendron gut. Ansonsten: Die RUNDSCHAU lesen und dort die entsprechenden Entsorgungstermine
finden.