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| 02:45 Uhr

Feststimmung trifft auf pure Verzweiflung

Bergbausanierer und Politik feiern eine der größten Erfolgsgeschichten der Wiedervereinigung.
Bergbausanierer und Politik feiern eine der größten Erfolgsgeschichten der Wiedervereinigung. FOTO: Steffen Rasche/str1
Senftenberg. Eine der größten Erfolgsgeschichten der Wiedervereinigung ist in Senftenberg am gestrigen Freitag mit etwa 700 Gästen gefeiert worden: der 20. Jahrestag der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft. In Lauchhammer bangen indes 13 von Bergbaufolgen betroffene Hauseigentümer um ihr Lebenswerk. Kathleen Weser

Mit zehn Milliarden Euro haben die Bergbausanierer in der Lausitz und im Mitteldeutschen Revier ausgekohlte Tagebaukrater und stillgelegte Kohle-Veredlungsstandorte nunmehr saniert und auch neuen Nutzungen zugeführt. "Leistungen, die eine gute Investition in die Zukunft sind und eine Chance für eine gute nachbergbauliche regionale Entwicklung bieten", stellt Klaus Zschiedrich, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV), am Ende seiner Festrede auch mit sichtlichem Stolz fest. Kräftiger Beifall im Festzelt mit mehr als 700 Gästen gibt ihm recht.

Die Eigentümer der 13 Wohnhäuser auf einer mächtigen Kippe des Alttagebaus Mückenberg in der Siedlung am Grubenteich in Lauchhammer-West schauen indes noch immer in eine mehr als nur ungewisse Zukunft. "Auch wir haben Respekt vor den Leistungen der Bergbausanierung. Wir setzen alle Hoffnungen in sie und die politisch Verantwortlichen im Land", sagt Egon Gückel (83). "Grund zum Feiern sehen wir nicht. Wir stehen unverschuldet vor dem Problem, unsere Häuser aufgeben zu müssen", beklagt er. Praktisch ersatzlos. Denn das Paket für eine Umsiedlung in neue Häuser kommt einfach nicht zustande. Die Verkehrswerte der bescheidenen Immobilien, die aus dem Braunkohleverwaltungsabkommen entschädigt werden, decken kaum ein Drittel der Kosten für einen in Größe und Ausstattung adäquaten Ersatz. Mit zinslosen Darlehen aus dem Topf der Städtebauförderung, so das Angebot des Landes Brandenburg, sollte den Grubenteichsiedlern geholfen werden. Davon ist jetzt nicht mehr die Rede. "Welche Bank gibt einfachen Leuten wie uns im Alter der Generation 60 plus auch noch einen Kredit?", fragt Egon Gückel. "Ich kenne keine." Inzwischen werde im Spiel mit der Angst alles getan, um die Bewohner schnellstmöglich abzusiedeln. "Nur die Verträge kann keiner unterschreiben, ohne damit praktisch sein Lebenswerk ersatzlos aufzugeben", erklärt der Senior. "Wir sind völlig am Ende. Und keiner hilft uns", sagt Egon Gückel.

Das Drama auf der bebauten Kippe wird zur Feier des LMBV-Geburtstages allseits komplett ausgeblendet. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) erntet Beifall für das klare Bekenntnis, dass die Energiewirtschaft das Rückgrat der Region sei und bleibe. Wer in der Debatte zur Zukunft der Lausitz daran vorbeirede, "ist auf dem Holzweg". Auf der weltweit größten Landschaftsbaustelle in der Bergbaufolgelandschaft träten ganz logisch auch Probleme auf. Doch auch der Chor der Bürgerinitiative Altdöbern muss - vom Festakt ausdrücklich verbannt - im Kampf gegen das Einspülen von Eisenhydroxidschlamm in den See seine "Ockerlieder" zum LMBV-Geburtstag in sicherem Abstand auf dem Senftenberger Marktplatz schmettern. Deshalb stört das Ständchen die festliche Stimmung auch nur am Rande. Vom "Optimismus der Menschen auf eine Zukunft mit und trotz der Braunkohle" spricht Stanislaw Tillich (CDU), der Ministerpräsident des Freistaates Sachsen. Er lobt den sinnvollen Einsatz der Mittel aus dem Paragraf-4-Topf, den die Länder für Zukunftsentwicklungen speisen. Den Hochwasserschutz an der Weißen Elster vor Leipzig und einen Biedermeierstrand am Schladitzer See, den die Menschen wunderbar annähmen, nennt er als Beispiele im Sächsischen.

Am Grubenteich geht es indes um Haus und Hof.

Zum Thema:
Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) ist durch Verschmelzung der Lausitzer Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LBV/Lausitzer Revier) und der Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (MBV/Leipziger Revier) zum 1. September 1995 wirtschaftlich aktiv geworden. Seit der im Jahr 2000 folgenden Verschmelzung der Treuhandnachfolgerin Beteiligungs-Management-Gesellschaft Berlin mbH (BMGB) auf die LMBV ist der Bund alleiniger Gesellschafter. Finanziert wird das Beseitigen der Bergbaufolgen in der Lausitz und Mitteldeutschland vom Bund und den vier ostdeutschen Braunkohleländern. Im nunmehr 20. Jahr des Bestehens der Bergbausaniererin ist bei den Kosten die Zehn-Milliarden-Euro-Marke erreicht worden. In der Bergbausanierung sind bisher Erdmassen bewegt worden, mit denen die Cheops-Pyramide 680-mal errichtet werden könnte. Die Länge der gesicherten gewachsenen Böschungen entspricht der Strecke Senftenberg-Frankfurt/Main, die der gekippten Böschungen der Strecke Senftenberg-Innsbruck. 6,6 Millionen Tonnen schwer wiegt der Abriss von Altindustrieanlagen. Das ist das 125-fache des Gewichts der Titanic.

Die Bewohner der Grubenteichsiedlung, die auf einer Tagebaukippe steht und deshalb aufgegeben werden muss, fühlen sich von der LMBV und den Politikern im Regen stehen gelassen.
Die Bewohner der Grubenteichsiedlung, die auf einer Tagebaukippe steht und deshalb aufgegeben werden muss, fühlen sich von der LMBV und den Politikern im Regen stehen gelassen. FOTO: str1