Auf den Unionsbänken klatschen sie laut und anhaltend. Eine ungewöhnliche Geste. Denn Angela Merkel hat noch gar kein Wort gesagt. Sie ist erst auf dem Weg zum Rednerpult für eine Regierungserklärung. Sie klatschen, als gelte es mit der Geräuschkulisse etwas gut zu machen, den bösen Eindruck zu zerstreuen, der in den vergangenen Tagen übermächtig geworden ist: Dass die eigene Truppe nicht mehr hinter Merkel steht und es wegen der Flüchtlingspolitik einsam um sie wird.

Scheinbar wie auf Bestellung spricht Merkel sofort von "Zusammenhalt". Allerdings bezogen auf Europa. Das Flüchtlinsproblem sei "eine historische Bewährungsprobe" für den Kontinent, sagt die Regierungschefin. Dann wiederholt sie ihr Mantra, dass Abschottung im 21. Jahrhundert eine Illusion sei. Im Klartext: Obergrenzen bei der Zuwanderung sind mit Merkel auch weiterhin nicht zu machen, Zäune auch nicht.

Wer genau hinhört, kann aber einige Akzentverschiebungen erkennen, mit denen Merkel das Unbehagen und die Verunsicherung in den eigenen Reihen zu zerstreuen sucht. Ihr inzwischen immer häufiger kritisierte Satz "Wir schaffen das" kommt nur noch in einer Nebenbemerkung vor. Umso stärker streicht Merkel die Asylverschärfungen heraus, die der Bundestag anschließend mit überwältigender Mehrheit durchwinkt. Mehr sichere Drittstaaten, weniger Bargeld für Neuankömmlinge, weniger Leistungen für abgelehnte Bewerber.

Für viele in der Union ist das allerdings inzwischen nur noch ein Minimalprogramm, um den Zustrom zu bremsen. Sie wollen mehr. Das zeigte sich schon am Dienstag in der Fraktionssitzung von CDU und CSU. Hinter verschlossenen Türen zogen dort besonders die Innenpolitiker gegen Merkel zu Felde. Die Zuwanderung sei "völlig aus dem Ruder gelaufen", klagte Wolfgang Bosbach. "Wir dürfen nicht die weiße Fahne hissen", warnte Clemens Binninger. Und Hans-Peter Uhl sah den Machterhalt der Union in Gefahr, falls sich keine Lösung für die Flüchtlingskrise finde.

Am Mittwoch wurde es für Merkel noch brenzliger. Auf einer Basiskonferenz im sächsischen Schkeuditz, die eigentlich der Vorbereitung des CDU-Parteitages im Dezember dienen sollte, sah sie sich offen mit dem Vorwurf konfrontiert, "als Regierungschefin versagt" zu haben. Andere zweifelten an der "Politikfähigkeit" ihrer Vorsitzenden und riefen, sie habe die "Schleusen geöffnet". Bis in den späten Abend ging es hoch her.

Im Bundestag verliert Merkel darüber in ihrer Rede kein Wort. Als sie wieder zu ihrem Platz geht, ist der Beifall auf den Unionsbänken spärlicher als am Anfang. Manche scheinen sich zum Klatschen fast zwingen zu müssen. Auch Wolfgang Schäuble blickt mürrisch. Merkel setzt sich kurz darauf demonstrativ zu ihm, vielleicht um diesen weiteren Brandherd einzudämmen: Es gibt inzwischen Spekulationen darüber, dass sich der Finanzminister auch gegen den Flüchtlingskurs der Kanzlerin sträubt und sogar das Ruder übernehmen würde, sollten Merkel die Dinge entgleiten.

Ungefähr zur gleichen Zeit schreitet in München ein anderer prominenter Unionspolitiker zum Rednerpult, um eine Regierungserklärung abzugeben. Merkels Widersacher Horst Seehofer bekräftigt im bayerischen Landtag ebenfalls seinen Kurs - gegen ihren Wir-schaffen-das-Optimismus. Was die Menschen jetzt brauchten, seien Taten und keine warmen Worte, sagt der CSU-Chef. Und während Merkel in Berlin gerade sagt, dass man auch aus der Flüchtlingskrise stärker hervorgehen könne als man hinein gegangen sei, mahnt Seehofer: "Ohne Begrenzung der Zuwanderung werden wir als staatliche Gemeinschaft in Deutschland und Europa grandios scheitern." Es ist ein Fernduell, das sie sich liefern.

Ein Hauch davon ist dann allerdings auch direkt im Bundestag zu spüren. Seehofers Parteifreund Hans-Peter Friedrich, den Merkel im Zuge der Edathy-Affäre als Landwirtschaftsminister feuerte und der die Kanzlerin schon früh wegen ihrer Asyl-Haltung kritisiert hatte, darf Dampf ablassen. Immer wieder von Zwischenrufen der Linken attackiert, mahnt Friedrich die Kanzlerin, den Bogen nicht zu überspannen: "Wir können nicht mehr aufnehmen, als unsere Integrationsfähigkeit zulässt. Unsere Kapazitäten sind weitgehend erschöpft." Merkel zeigt keine Regung. Sie tippt auf ihrem iPad und studiert Papiere.