„Meine Nase muss neu gerichtet werden. Die Behandlung nach den Schlägen ist nicht so gut geglückt“ , sagt Layla* und fährt sich mit der Hand sanft übers Gesicht. Narben sieht man keine. Auch die jahrelangen Vergewaltigungen sind der zierlichen Frau nicht anzusehen, auch nicht die Angst. Die Angst, ermordet zu werden. Aber sie ist da. „Ich weiß, dass mein Vater in der Lage wäre, mich zu erschießen. Er ist wie ein Diktator. Mein Onkel hat seine Tochter erdrosselt, weil sie nicht heiraten wollte, meine andere Cousine hat sich umgebracht.“
L ayla seufzt, sie wählte einen anderen Weg. Mit 16 Jahren lief sie von zu Hause weg, um einer Zwangsehe zu entgehen, einer Ehe mit einem Fremden. „Ein Nein gab es bei uns nicht. Was mein Vater oder Bruder sagten, das war Gesetz. Widerworte wurden mit Prügel bestraft“ , fährt die junge Frau fort. In ihrem Blick liegen Wut und Verbitterung. Die schlimmen Erinnerungen bewegen sie sichtlich. Damals, als sie allein, ohne Familie, ohne Freunde auf der Flucht war, glaubte sie, bei einem jungen Türken Liebe und Geborgenheit zu finden, die sie so lange vermisst hatte. Ihm vertraut sich das Mädchen mit marokkanischen Wurzeln an, hofft auf bessere Zeiten, geht mit ihm eine islamische Ehe ein - und bereut es.
„Er hat sich in alles eingemischt. Ich durfte nicht anziehen, was ich wollte, mich nicht frei bewegen. Er hat mich verprügelt, mir die Nase und den Kiefer gebrochen.“ Als sie ihn verlassen will, zündet er sie an. Fünf Jahre lang erduldet Layla die Qualen, die sexuelle Gewalt. Dann ist sie wieder auf der Flucht - dieses Mal vor ihrem Ehemann. In ihrer Not geht sie zu ihrer Familie zurück. Alles wird gut, versprechen die Eltern. Doch der Schein trügt.
E s dauert nicht lange, dann soll Layla erneut verheiratet werden. „Mein Vater hat mich verschachert. Er hatte einen wohlhabenden Mann gefunden und wollte mich an ihn verkaufen.“ Zwangsverlobung. Layla, die Schutzbedürftige, die Starke. Sie lässt ihre Blicke schweifen, ihren Gedanken freien Lauf. Irgendwohin, vielleicht zu den Freunden, die ihr damals rieten, sich an die Hilfsorganisation „Hatun & Can e.V.“ zu wenden. Sie tut es und ergreift kurz nach ihrer Verlobung wieder die Flucht. „Ich habe meine Kleidungsstücke aus dem Fenster geworfen und so getan, als würde ich den Müll wegbringen. Seitdem habe ich niemanden aus meiner Familie gesehen, keinen Kontakt mehr zu meinen Freunden.“ Der Hauch eines Lächelns huscht über ihr sonst ernstes Gesicht, ein wehmütiges Lächeln.
Andreas Becker*, der Gründer von „Hatun & Can e.V.“ in Berlin, rät allen Mädchen und Frauen, den Kontakt zu Familie und Freunden komplett abzubrechen, sobald sie untertauchen. „Andernfalls versuchen die Angehörigen, die Frauen mit Lügengeschichten zurückzulocken oder beschimpfen und bedrohen sie aufs Schlimmste. Vor diesem Druck wollen wir sie schützen.“
Auch Ayse* weiß, wie gefährlich es sein kann, Kontakte in der eigenen Vergangenheit zu suchen. Sie hat ebenfalls Angst, von ihrer Familie gefunden zu werden, hat ihr Äußeres verändert. Dennoch ruft sie manchmal ihre ältere Schwester an. Sie war es, die Ayse bei ihrer Flucht half. „Ich sollte meinen Cousin heiraten. Ich wollte das nicht, habe nächtelang geweint, mich aber nie getraut, etwas zu sagen. Das hätte nur Ärger und Schläge gegeben“ , sagt die Frau.
A yses Schwester konnte ihrer eigenen Zwangsehe nicht entgehen, sie musste einen ihrer Cousins aus der Türkei heiraten. Das wollte sie ihrer kleinen Schwester ersparen und half ihr. Die traumatischen Erlebnisse, die Schläge ihrer Brüder, das Diktat ihres Vaters hat Ayse noch nicht verarbeitet. „Noch heute zucke ich zusammen, wenn jemand beim Sprechen mit den Händen gestikuliert.“ Zweimal die Woche muss Ayse zur Therapie, nimmt starke Medikamente, hat Angstzustände. „Ich habe keine Freunde, was sollte ich ihnen auch sagen, wer ich bin, wieso ich keinen Kontakt zu meiner Familie habe? Sie würden es ja doch nicht verstehen.“
Seit Februar 2007 meldeten sich mehr als 700 Frauen bei „Hatun & Can e.V.“ , aus Angst vor einer Zwangsehe. „Täglich gehen zwei bis drei E-Mails bei uns ein, auch aus dem Ausland. Frauen aus der Türkei, aus Israel oder aus dem Jemen wenden sich an uns“ , sagt Becker. Besonders vor den Sommerferien steige die Zahl der Mädchen, die Hilfe suchten.
Eine, die sich intensiv mit der Problematik Zwangsheirat beschäftigt, ist die türkischstämmige Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates. Und deswegen wird sie auch immer wieder vor allem von türkischen Männern bedroht. Im Sommer 2006 hatte sie ihre Anwaltszulassung zurückgegeben und ihre Kanzlei aufgelöst.
Inzwischen arbeitet sie aber wieder und weiß, dass viele Familien mit ihren Töchtern in den Sommerferien in die „Heimat“ fahren, um die Mädchen dort gegen ihren Willen zu verheiraten. „Oft ahnen die jungen Frauen, was sie im Urlaub erwartet“ , sagt sie.
D ie deutsch-türkische Soziologin und Autorin Necla Kelek führt diese Praxis auf einen „Zwang zur Ehe“ in patriarchischen Kulturen zurück. „Sexualität außerhalb der Ehe gilt als Schande. Die Mädchen müssen jungfräulich in die Ehe, und die gesamte Großfamilie wacht darüber.“ Erst wenn das Ziel erreicht sei, habe die Familie ihre Aufgabe erfüllt, die Familienehre beschützt.
Familienehre - für Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund ist diese durchaus vereinbar mit persönlicher Freiheit. Doch Familien wie die Laylas oder Ayses haben eine andere Auffassung. Und wenn sie ihre Regeln verletzt sehen, reagieren sie mitunter anders, als die deutschen Gesetze es zulassen. So sorgte erst kürzlich der „Ehrenmord“ an einer 16-jährigen Deutsch-Afghanin in Hamburg für Entsetzen und Schlagzeilen. Ihr 23-jähriger Bruder hatte sie mit mehr als 20 Messerstichen getötet, weil ihm der westliche Lebensstil des Mädchens missfallen haben soll. Seit 1996 wurden nach Angaben des Bundeskriminalamts mindestens 36 Frauen "im Namen der Ehre" ermordet. Die Dunkelziffer sei aber viel höher.
„Wir müssen immer wieder über dieses Thema sprechen und in der Öffentlichkeit Zwangsehen verurteilen. Nur dann können wir erreichen, dass in den Familien ein Unrechtsbewusstsein entsteht“ , sagt Ates. Sie kämpft seit Jahren für die Rechte von Frauen und fordert Zwangsverheiratungen als eigenen Straftatbestand im Gesetz zu verankern. Die meisten Fälle werden aus Sicht der Experten aber gar nicht erst aufgedeckt.
B ecker geht von mindestens 10 000 Zwangsehen jährlich aus. „Deutsche verstehen nicht, was diese Frauen durchmachen. Wenn sich die Mädchen an ihre Lehrer wenden, dann kommen irgendwelche Öko-Tanten an und wollen mit den Eltern sprechen. Sobald die Sozialarbeiter aber weg sind, gibt's erstmal 'ne Tracht Prügel. Man wird dafür bestraft, Familienangelegenheiten an Fremde herangetragen zu haben“ , wissen Ayse und Layla. „Diese Zwangsehen sollten verhindert werden, stehen sie doch nicht im Einklang mit der freiheitlich demokratischen Grundordnung unseres Landes“ , fordert die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU). Mit der Aktion „Ferienbräute - nicht mit uns“ will sie Mädchen und auch junge Männer vor Zwangsehen schützen, die in den Herkunftsländern der Familien oder in Deutschland vollzogen werden.
Bundesweit sollen ab Oktober Informationsabende zum Thema „Ferienbräute“ an Volkshochschulen stattfinden, Broschüren mit Telefonnummern von Hilfseinrichtungen wie dem Mädchennotdienst „Papatya“ verteilt und Lehrerfortbildungen angeboten werden. „Wir möchten Behörden, Lehrer, Ärzte und Sozialarbeiter auffordern, mit den Mädchen zu sprechen und sie auf ihre Rechte und Möglichkeiten hinzuweisen“ , sagt Kelek
A tes will auf ihrer Webseite ( www.seyranates.de) künftig eine standardisierte Vollmacht zum Herunterladen bereitstellen. Darin können Betroffene vermerken, dass sie in den Ferien nicht heiraten und nach dem Urlaub wieder zurück nach Deutschland kommen wollen. Die unterschriebene Vollmacht sollen die Mädchen mit einer Kopie ihres Ausweises vor den Ferien einer Person ihres Vertrauens übergeben. „Die Botschaft und andere Behörden können so tätig werden und die Mädchen suchen“ , erklärt Ates. Kelek gelang es bereits mithilfe einer solchen Vollmacht, eine junge Frau, die unter einem Vorwand in die Türkei gelockt und zwangsverheiratet wurde, wieder nach Deutschland zu holen.
Ayse und Layla wissen nicht, wo sie in einigen Jahren sein werden, aber sie haben die Hoffnung auf ein erfülltes Leben nicht aufgegeben. Beide würden gern arbeiten. „Irgendwann, wenn es mir wieder besser geht und ich ohne Medikamente den Tag überstehe, dann möchte ich eine Ausbildung machen und mein eigenes Geld verdienen“ , sagt Ayse. Mit einem Anflug von Optimismus kommt auch ihr Lächeln wieder. Und dann, wenn sie einen Mann gefunden hat, der sie versteht und achtet, und wenn sie Kinder hat, dann will sie ihre Familie vielleicht auch wieder anrufen. Denn nur dann bestehe die Möglichkeit, dass ihre Familie ihr verzeiht, sagt sie. Und nur dann müsse sie vielleicht nicht mehr fürchten, von ihrer Familie ermordet zu werden. Bis dahin aber bleibt ihr nur ein Leben in der Anonymität.
*Namen geändert