Berliner Felix Ringel (27) ist derzeit ein gefragter Mann. In Hoyerswerda wird der „Menschenforscher“ geradezu verehrt. Dass ein Doktorand der berühmten Universität von Cambridge ausgerechnet in der früheren sozialistischen Musterstadt mit ihren vielen Plattenbauten Feldforschung betreibt, wirkt wie Balsam auf die Seele der Einheimischen. Hoyerswerda – rund 60 Kilometer nördlich von Dresden – leidet wie keine andere deutsche Stadt unter Abwanderung. Seit der Wende sind 43 Prozent der Einwohner gegangen. Die Statistik sähe noch dramatischer aus, wenn man die per Eingemeindung hinzugekommenen Neubürger abziehen würde. Die Arbeitslosenquote unter den jetzt noch knapp 40 000 Einwohnern lag im Januar bei 20,7 Prozent.

Ein ideales Terrain

Für Anthropologen wie Ringel ist eine Stadt im Umbruch ideales Terrain. Der 27-Jährige, der in Berlin-Hellersdorf selbst in Plattenbauten aufwuchs, kam im Januar 2008 nach Hoyerswerda. Mittlerweile lebt er bei der fünften Familie. Berührungsängste hat die Bevölkerung scheinbar nicht. Auf Annoncen meldeten sich immer wieder Gastfamilien. Wie im norwegischen Film „Kitchen Stories“, wo Beobachter eines Forschungsinstituts das Verhalten der Hausfrauen von einem Hochsitz in der Küche beobachten, läuft es in Hoyerswerda freilich nicht. Ringel lebt mittendrin, führt Tagebuch und Interviews, abends trinkt er ein Bier mit Einheimischen.

„Man muss auf Augenhöhe mit den Leuten bleiben. Gerade die Nähe zum Menschen ist das Schöne an der Anthropologie“.

Ringel geht nicht davon aus, dass sich Leute drei Monate lang verstellen können. „So etwas funktioniert vielleicht ein paar Tage, dann gehört man dazu.“ Derzeit lebt er bei Familie Schäfer in einem Einfamilienhaus. „Wir hatten anfangs schon Bedenken, wie die Hamster hinter Glas beobachtet zu werden“, berichtet Gastmutter Karin Schäfer (44). Inzwischen sei Felix ein zweiter Sohn geworden. Eine Extrawurst bekomme er aber nicht. „Er gibt uns viel mehr, als wir ihm geben können.“ Damit meint sie nicht zuletzt die Kochkünste des Forschers. Auch wenn die Küche nachher manchmal „unorthodox“ aussehe, habe Ringel die Speisekarte der Familie sehr bereichert. Karin Schäfer erzählt von vielen guten Gesprächen.

Mit seinem „Draufblick“ habe der kontaktfreudige und intelligente Gast der Stadt etwas von dem so dringend benötigten Selbstbewusstsein zurückgegeben. „Vielleicht ist das bei uns allen nur verschüttet.“ Das eigentliche Problem der Stadt sieht Ringel in Hoyerswerda selbst. Unlängst befasste er sich in einer Zeitungskolumne mit dem Bild Hoyerswerdas, das täglich aufs Neue entsteht. „Da wundert es kaum, dass bei der Betonung alles Schlechten Stück für Stück etwas in die einzelnen Gemüter der Bewohner durchsickert. Ich würde gern erleben, wie die Menschen hier ganz ,relaxed' vorbehaltlos von ihrer Stadt reden. Dann könnte man mit anstehenden Problemen anders umgehen“, heißt es in dem Beitrag. Es sei wichtig, auch eine „gute Message“ von Hoywoy – so nennen die Einheimischen ihre Stadt – zu verbreiten, erklärt Ringel. „Deshalb sind meine Kolumnen kritisch und optimistisch.“

Rückbau gestalten

Der genaue Titel von Ringels Doktorarbeit steht noch nicht fest. Im Kern geht es darum, wie die Bewohner mit einer schrumpfenden Stadt zurechtkommen, in der noch immer Häuser abgerissen werden. „Man könnte einen solchen Rückbau gut machen, wenn man das mehr gestaltet als bisher.“ Der 27-Jährige sieht darin ein generelles Problem. „Bislang war nur klar, wie man einen Aufbau plant. Vom Gegenteil gab es keine klaren Vorstellungen.“ Im März will Ringel noch einmal umziehen. Seine letzten Tage in Hoyerswerda verbringt er bis Ende April wieder in einem Plattenbau.