"Die Zeiten des großen Kulturkampfes sind jedoch vorbei", davon ist zumindest Rurik von Hagens überzeugt. Der 36-Jährige ist Geschäftsführer der Gubener Plastinate GmbH. Vor vier Jahren löste er seinen an Parkinson erkrankten Vater Gunther von Hagens an der Spitze des Unternehmens ab. In den Anfangsjahren sorgten die Körperwelten-Ausstellungen noch für große gesellschaftliche Empörung, Proteste und auch Verbote. "Geblieben ist jedoch die Faszination und das Interesse des Publikums", betont von Hagens. Mit mehr als 40 Millionen Besuchern seien die insgesamt zehn Schauen die erfolgreichste Ausstellung der Welt.

Für neue Negativschlagzeilen sorgte erst kürzlich das Anfang 2015 eröffnete "Menschen-Museum" am Berliner Fernsehturm. Der Bezirk Mitte lief dagegen Sturm, weil die Ausstellung dem Bestattungsgesetz widerspreche. Nach fast zweijährigem Rechtsstreit ist jetzt das in Heidelberg ansässige Institut für Plastination Träger des Museums. Anatomische Institute unterliegen nämlich nicht der Genehmigungspflicht. Auch die Exponate wurden gegen neue ausgetauscht, damit eine Rückverfolgung der freiwilligen Spender möglich ist.

Die Toten, die bei den Von-Hagens-Ausstellungen zu sehen sind, posieren wahlweise als Denker, tragen wie Atlas in der griechischen Mythologie die Welt auf den Schultern oder haben Sex. Berühmt-berüchtigt ist auch die Pokerrunde, die Gunther von Hagens eigens für den James-Bond-Film "Casino Royal" 2006 zusammengestellt hatte. Das geht vielen Kritikern schlichtweg zu weit. Auch Brandenburgs Schülern ist es nach wie vor verboten, das Plastinarium in Guben im Rahmen des Unterrichts zu besuchen. Das Zerschneiden von toten Menschen in aller Öffentlichkeit habe nichts mit wissenschaftlicher Erkenntnis zu tun, sondern diene nur dem Profit und Voyeurismus, wetterte der damalige Bildungsminister Holger Rupprecht. Das war 2006.

Ein paar Tage zuvor am 17. November hatte Gunther von Hagens seine Werkstatt mit Schauraum in Guben eröffnet. Es ist das erste und einzige Plastinarium der Welt. Auf rund 3000 Quadratmetern können sich die Besucher Exponate von Menschen und Tieren sowie transparente Querschnitte ansehen. Öffentlich ist aber auch die Arbeit der Beschäftigten, die mit Skalpell und Pinzette an den Leichnamen arbeiten.

"70 Mitarbeiter sind aktuell am Gubener Standort beschäftigt", sagt Rurik von Hagens. Erhofft hatten sich die Neißestädter von der Gewerbeansiedlung auf dem Gelände der ehemaligen Gubener Wolle eigentlich mehrere Hundert Arbeitsplätze. Doch schon zwei Jahre nach der Eröffnung wurde die Hälfte der damals rund 130 Beschäftigten wieder entlassen. Ende 2010 reduzierte von Hagens die Zahl der Mitarbeiter nochmals deutlich von 191 auf 58. Von "schwierigen Zeiten" spricht Rurik von Hagens heute. Als Geschäftsmann betont er jedoch, dass diese "unternehmerische Entscheidung" notwendig war, um "dauerhaft bestehen zu können".

Mittlerweile steht der Gubener Standort, in den mehr als 30 Millionen Euro geflossen sind, "auf eigenen Füßen", wie der Geschäftsführer sagt. Zwischen drei und fünf Millionen Euro pro Jahr bringt seinen Angaben zufolge der Verkauf von Plastinaten ein. Die Auftraggeber seien vorwiegend Universitäten, Museen und ähnliche Einrichtungen auf der ganzen Welt. Die größten Kunden sitzen in den USA, Saudi-Arabien, im Irak und in England. Nachgefragt sind vor allem Silikonpräparate, Scheibenplastinate - Gunther von Hagens' große Leidenschaft - nur in geringem Maße. Eingesetzt werden die Arbeiten vorwiegend bei der Aus- und Weiterbildung von medizinischem Fachpersonal.

Das ist auch der Geschäftszweig, in dem Rurik von Hagens Potenzial für weiteres Wachstum sieht. "Wir sind auf allen wichtigen anatomischen Kongressen vertreten", sagt er. Dadurch soll das Verfahren der Plastination, das sein Vater Gunther von Hagens erfunden und entwickelt hat, noch bekannter gemacht werden. Vier bis fünf Ganzkörper beziehungsweise entsprechend viele Einzelpräparate werden in Guben pro Monat hergestellt.

Die Zahl der Ausstellungen, die in der Vergangenheit die Haupteinnahmequelle für den auch als "Dr. Tod" betitelten Gunther von Hagens darstellten, soll sich hingegen nicht weiter erhöhen. "Wir brauchen keine 11., 12. oder 13. Ausstellung", begründet sein Sohn. Neben den zwei festen Standorten in Berlin und Amsterdam touren bereits jetzt acht Schauen durch die ganze Welt. Aktuell zu sehen sind die Plastinate beispielsweise in Südafrika, Kanada und Schweden.

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Mit einem großen Festakt wird das zehnjährige Bestehen des Gubener Plastinariums heute mit geladenen Gästen aus Politik und Wirtschaft gefeiert. Am Freitag ist dann das Publikum eingeladen. In der Zeit von 10 bis 18 Uhr können alle Gäste an rund um die Uhr stattfindenden Führungen teilnehmen und Orte besuchen, die sonst nicht zugänglich sind. Dazu gehört beispielsweise die Elefantensäge, mit der Gunther von Hagens ein Scheibenplastinat anfertigte, das er ursprünglich für 250 000 Euro verkaufen wollte. Vom Aussichtspunkt haben die Besucher einen Rundumblick über das gesamte Gelände des Plastinariums. Auch die Destille, in der die Präparate entwässert und entfettet werden, sowie die Verpackung stehen offen. Die Besucher zahlen morgen nur den halben Eintrittspreis.Das Gubener Plastinarium in der Uferstraße ist grundsätzlich nur von Freitag bis Sonntag für Besucher jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der letzte Einlass ist um 16 Uhr. Erwachsene zahlen zwölf Euro Eintritt, ermäßigt zehn Euro.