Die Buchprüferin aus Dresden hatte mit ihrer Arbeit die Ermittlungen gegen Jörg K. (Name geändert) im Frühjahr 2013 in Gang gebracht. Jetzt sitzt sie ihm am Cottbuser Landgericht wieder gegenüber. K. als Angeklagter, sie als Zeugin.

Der inzwischen 47-jährige Angeklagte hatte zu Beginn des Prozesses vor einem Monat die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft eingeräumt. Danach hatte er von März 2010 bis April 2013 fast eine halbe Million Euro von Konten des kommunalen Gubener Wohnungsunternehmens Guwo auf eigene Konten umgelenkt, bar abgehoben oder damit private Rechnungen beglichen.

Die Buchprüferin schilderte vor Gericht, wie sie beim Jahresabschluss 2012 nach und nach auf eine ganze Reihe von Buchungen stieß, zu denen sie keine Belege fand. Sie schaltete ihren Vorgesetzten, einen Wirtschaftsprüfer, ein. Mit der Liste der fehlenden Unterlagen konfrontiert, habe der Angeklagte den Wirtschaftsprüfer "unter vier Augen" sprechen wollen. Dazu kam es jedoch nicht.

In den folgenden Tagen habe der damalige Guwo-Chef die nicht nachvollziehbaren Buchungen auch nicht aufklären können. Teilweise habe er immer neue Erklärungen geliefert. So habe er die Zahlung von mehr als 200 000 Euro an eine Abrissfirma, die ihm Geld geborgt hatte, damit erklären wollen, dass er von dem Firmeninhaber und dem damaligen Gubener Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner dazu erpresst worden sei. "Das war so haarsträubend, das habe ich keinen Moment geglaubt", so die Buchprüferin im Zeugenstand. Die Prüfer schalteten den Aufsichtsrat der Guwo ein, die Stadt als Eigentümer des Unternehmens erstattete Anzeige.

Der Inhaber der inzwischen insolventen Abrissfirma, den K. der Erpressung bezichtigt hatte, war ebenfalls am Mittwoch als Zeuge geladen, erschien aber nicht. Er ließ sich mit einer längeren Abwesenheit im Ausland entschuldigen.

Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung einigten sich am Mittwoch darauf, dass sie auf seine Aussage auch verzichten können. Ebenso soll die ehemalige Buchhalterin der Guwo nicht noch mal geladen werden. Denn angesichts des Geständnisses von Jörg K. geht es nun vor allem darum, wie leicht es ihm gemacht wurde, sich in der Firmenkasse zu bedienen, und was sonst vielleicht noch bei der Strafzumessung zu berücksichtigen ist.

Staatsanwältin Maja Thuß von der Schwerpunktstaatsanwaltschaft Neuruppin regte an, noch diverse Unterlagen in den Prozess einzuführen. Sie seien aus ihrer Sicht wichtig für die Beurteilung der Glaubwürdigkeit von K.s Angaben vor Gericht. Dazu zählen für sie Schreiben des Angeklagten an den stellvertretenden Bürgermeister von Guben, in denen er nach Entdeckung der Veruntreuungen die Rückzahlung von 200 000 Euro anbot, das aber mit einer "Schweigeklausel" koppeln wollte.

Sein Verteidiger Uwe Freyschmidt will zunächst noch Unterlagen sichten, bevor er Anträge zur Vernehmung weiterer Zeugen stellt oder Anregungen abgibt. Sein Mandant werde auch noch Fragen beantworten. Die sollten jedoch mit Rücksicht auf dessen Gesundheitszustand vorher abgestimmt werden.

Da Jörg K. inzwischen schwer herzkrank ist, wird jeweils nur wenige Stunden gegen ihn verhandelt. Das Gericht hat vier weitere Prozesstermine bis zum 19. Dezember festgelegt. Dann könnte auch ein Urteil fallen.

Zum Thema:
Der Angeklagte wurde im Text anonymisiert, weil er über Guben hinaus keine relative Person der Zeitgeschichte ist. Auch bei der üblichen Nennung von Vor- und abgekürztem Nachnamen wäre er durch seinen seltenen Vornamen leicht identifizierbar. red