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Fegen statt färben für 269 Euro im Monat? Friseur-Azubis protestieren

Ein Model wird am 03.07.2013 vor einer Modenschau während der Fashin Week in Berlin frisiert.
Ein Model wird am 03.07.2013 vor einer Modenschau während der Fashin Week in Berlin frisiert. FOTO: Jens Kalaene (dpa-Zentralbild)
Cottbus/Kassel. Angehende Friseure verdienen oft viel weniger als Mindestlohn und müssen dann auch noch ihre Scheren selbst kaufen. Das bemängelt die Gewerkschaft Verdi und will mit einem Aktionstag am heutigen Dienstag auf die Lage der Azubis aufmerksam machen – auch in Cottbus. dpa/bob

Julia Müller hat sich einmal entschieden, Friseurin zu werden, weil sie Leute glücklich machen wollte. Doch dann sei sie selbst während ihrer Ausbildung unglücklich geworden, erzählt die 28-Jährige. "Anfangs bin ich am Abend oft heulend nach Hause gegangen." Und auch jetzt, im dritten Lehrjahr kurz vor der Gesellenprüfung, leide sie noch unter ihren Arbeitsbedingungen.

Julia Müller heißt eigentlich anders. Aber um es sich so kurz vor der dem Ziel nicht mit der Chefin ihres kleinen Salons in Kassel zu verscherzen, hält sie ihren echten Namen geheim. "Man kommt als Azubi in einen Laden wie eine Billigkraft", sagt die alleinerziehende Mutter. "Den ganzen Tag soll man putzen und die Handtücher hin- und hertragen."

Färben üben? Locken wickeln lernen? Dazu komme sie während der Arbeitszeiten gar nicht. Modelle müsse sie abends privat einladen und die Haarfarbe und Scheren auch noch selbst bezahlen. Dabei arbeitet Müller noch nicht einmal bei einer Billigkette. 300 Euro bekomme sie im Monat, sagt sie. Das ist noch nicht mal besonders wenig. "Im Osten ist es noch schlimmer. Ich habe Glück, dass ich in Hessen bin."

Und tatsächlich ist die Lage der Friseur-Azubis nach Angaben der Gewerkschaft Verdi in den ostdeutschen Ländern noch schwieriger: Hier erhalten die angehenden Friseure im ersten Lehrjahr durchschnittlich 269 Euro Ausbildungsvergütung monatlich, sagt Verdi-Sprecher Marvin Reschinsky. Im Westen ist es demnach fast doppelt so viel: 494 Euro.

Weil sie so wenig verdienten, seien viele der rund 23 000 Friseur-Azubis in Deutschland auf Hilfe aus der Familie oder vom Staat angewiesen, sagt Reschinsky. "Es ist ein Skandal, dass das Geschäftsmodell darauf basiert, dass Auszubildende überwiegend von Staatshilfen leben müssen." Noch dazu seien die Arbeitsbedingungen oft nicht gut: Er habe von Azubis gehört, die drei Jahre lang nur putzen mussten oder die in zwei Jahren keinen einzigen Tag Urlaub bekommen hätten.

Am Dienstag will Verdi in rund 20 deutschen Städten Protestaktionen starten, um auf die Lage der Friseur-Azubis aufmerksam zu machen. In Cottbus startet die Aktion um 10 Uhr auf dem Altmarkt.

"Viele machen den Beruf aus Leidenschaft und lassen sich deshalb ausbeuten", sagt Verdi-Sprecher Reschinsky. Sich zu wehren, sei in den meist kleinen Betrieben schwer. Die Azubis arbeiteten tagtäglich mit ihrem Arbeitgeber, einen Betriebsrat gebe es selten. Viele brächen ihre Ausbildung ab. Julia Müller erzählt, in ihrer Klasse säßen nur noch acht von ursprünglich 28 Friseur-Azubis.

Neben der Gewerkschaft beklagen auch die Arbeitgeber einen Nachwuchsmangel. Nach Angaben des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks sank über viele Jahre die Zahl der neuen Ausbildungsverträge. 2016 sei sie erstmals wieder leicht gestiegen: um 0,7 Prozent auf knapp 10 700.

Gegen die Nachwuchsprobleme könne eine höhere Vergütung helfen, hieß es von dem Arbeitgeberverband. Die meisten der Landesverbände wollten dafür neue Verträge abschließen. Gespräche mit Verdi lägen aber derzeit auf Eis. Verdi wolle eine bundesweit einheitliche Lösung. Doch das sei angesichts der sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den Ländern schwierig umzusetzen.