Draußen vor der Tür des Seeschlösschens, direkt neben den schweren Staatslimousinen, die Rösler und sein Gefolge herbeigeschafft haben, scharen sich drei Männer um den Aschenkübel und legen ganz in Stammtischmanier los – über die Faulheit der Italiener und die Dummheit der Politiker.

Höfliche Debatte Dorfkneipengeschimpfe, das so gar nicht zu dem Ton passt, der drinnen gepflegt wird. Da sitzen fünf Dutzend gepflegter Herrschaften auf nicht allzu bequemen Holzstühlen und harren fast zwei Spielfilmlängen aus. Und obwohl sie alle wissen, dass es am Ende der Veranstaltung sicher kein schönes Happy End geben wird, bleibt der Ton sachlich, fast schon betont höflich. „Das ist bei denen zurzeit so üblich“, sagt ein Kollege von der überregionalen Presse. Er hat schon eine Veranstaltung zum FDP-Mitgliederentscheid in Bonn besucht, „Da waren gut zehnmal so viele da.“ Es geht ja auch um viel bei diesem Mitgliederentscheid der Liberalen.

Entweder machen sie weiter mit bei dem von der Bundeskanzlerin eingeschlagenen Kurs der Eurorettung oder sie riskieren den Rauswurf aus der Regierung und eine neue Koalition ohne ihre Beteiligung. Im schlimmsten Falle Neuwahlen angesichts der Umfragewerte, die allesamt unter der Fünf-Prozent-Hürde liegen.

Wer ansonsten in Brandenburg Parteiveranstaltungen besucht oder den parteiübergreifenden Schlagabtausch beispielsweise im Landtag erlebt, der ist überrascht. In Groß Köris, beim Euro-Schicksals-Disput geht es, wie immer wieder betont wird, „wohltuend“ zu. Und die, die sich oft aus weit entfernten Landesecken – wie beispielsweise aus Guben – auf den Weg gemacht haben, sind auch in ungewöhnlichem Maße informiert.

Sie kennen nicht nur die meisten dieser Rettungsschirm-Abkürzungen, die in den Nachrichtensendungen verwirren. Sie ha-ben auch eine gute Ahnung, was sich hinter ihnen verbirgt. Und doch, vielleicht gerade wegen der vielen Informationen bestimmt vor allem Unsicherheit die Statements und Fragen.

Die beiden Kontrahenten in der Sache, Griechenland-Retter Philipp Rösler und der Vertreter des Ausstiegs-Szenarios, Hans Bell- stedt, bemühen sich zwar in der Sache kontrovers, in der Perspektive wiederum sind sich die beiden einig. Man solle sich nicht fürchten vor dem was kommt, alles sei beherrschbar. Das sagt der eine wie der andere, und beide beschreiben die Folgen der Entscheidung für die Position des anderen wiederum als ganz schrecklich.

Die meisten Fragen drehen sich dann auch weniger um die Euro-Krise und ihre Bewältigung, sondern um das Danach. Was wird mit uns, wenn wir uns womöglich falsch entschieden haben?

Stolz auf DiskussionskulturRainer Siebert, der ehemalige Schatzmeister der Partei, den die frühere Landesspitze einst wegen einer angeblich unklaren, tatsächlich erklärlichen Stasi-Geschichte fallengelassen hat wie eine heiße Kartoffel, ist der profilierteste Sprecher derjenigen, die versuchten, in der Sache selbst ihre Einwände, Bedenken und Warnungen loszuwerden.

Seine Erkenntnisse machen ihn skeptisch, ohne dass er gleich der Position der Rebellen gegen die Parteispitze zuneigt. Seine Botschaft ist an einem Punkt allerdings klar: So einfach, wie der Parteivorsitzende die Sache darstelle, sei sie nicht. Und er trifft damit einen auf dieser Veranstaltung auch wohlgelittenen Ton.

Die Vertrauensfrage, die Rösler stellt, mag man an der Brandenburger Parteibasis so eindeutig lieber nicht beantworten. Wenn überhaupt, dann wird dies ein Vertrauensvorschuss mit vielen Fragezeichen.

Auf eines allerdings sind sie durchweg stolz, die umfragegebeutelten Liberalen. Sie würden ja wenigstens etwas demokratisch entscheiden. Sie nehmen sich die Zeit, stundenlang Argumente zu gewichten und am Ende auch noch alle mitentscheiden zu lassen. Und sie tun dies mitten in der Krisenhektik, in der sich die Nachrichten fast schon stündlich überschlagen, in einem beinahe antiquierten, langwierigen Verfahren. Sie sind dabei sicher näher am Wähler als die anderen Parteien. Ob es bei dem auch ankommt, ist allerdings wieder so eine schwer zu beantwortende Frage.