In den regionalen Zeitungen, die den Kölner FDP-Parteitag besonders intensiv begleiteten, stand zur Begrüßung der 660 Delegierten eine Umfrage: Nur noch 5,1 Prozent könne die Partei am 9. Mai erwarten. Die schwarz-gelbe Mehrheit in Düsseldorf wäre futsch, die im Bundesrat auch, und die FDP könnte ihr wichtigstes Ziel, Steuersenkungen, vergessen. Doch Guido Westerwelle hielt seine eigene Prognose dagegen: "Wir werden zweistellig." Der Parteivorsitzende gab sich kämpferisch - und ein bisschen selbstkritisch. "Ja, es gab Anfangsschwierigkeiten" - nach 90 Minuten, in denen er in sehr lauter Tonlage gesprochen hatte, wurde Westerwelle leise. "Wenn man Verantwortung trägt, macht man nicht immer alles richtig." Der Vorsitzende wusste um die schwierige Stimmung an der Basis, der derzeit reichlich Gegenwind entgegenschlägt. Voller Dankbarkeit habe er die Solidarität der Partei in dieser schwierigen Phase erlebt, sagte er. So sei nur die FDP. Konkrete eigene Fehler nannte Westerwelle nicht. Außer, dass er den neuen Generalsekretär, Christian Lindner, erst im Januar nominiert hatte, sodass die Parteizentrale monatelang führungslos geblieben war. Trotzdem wirkte dieser Teil der Rede wie eine Bitte um Entschuldigung. Lindner, der bisher kommissarisch amtierte, wurde auf dem Parteitag mit 95,6 Prozent am Sonnabend gewählt. In seiner Grundsatzrede, für die er starken Beifall erhielt, versuchte Westerwelle die Delegierten einzuschwören. Die "politisch-geistige Achse" in Deutschland habe sich verschoben, in Richtung Staatsgläubigkeit. Die sei "ein Virus im Denken" und führe "von der Einheitsschule bis zur Einheitsrente". Wo die Leistungsgerechtigkeit nicht beachtet werde, werde die Axt an die Wurzel des Wohlstandes gelegt. Die FDP kämpfe dafür, dass die Mittelschicht, die alles erwirtschafte, mehr von ihrem Einkommen habe. "Leistung muss sich wieder lohnen", rief Westerwelle aus. Nur indirekt ging er auf die schlechten Umfragen ein. Weil die FDP als einzige Partei für Leistungsgerechtigkeit kämpfe, gebe aber es Widerstände und "Attacken unter der Gürtellinie".